Bilder
Rajan, der schwimmende Elefant
2010 verbreiteten sich Unterwasseraufnahmen eines schwimmenden Elefanten. Hinter den Bildern steckt eine Geschichte über Holzeinschlag und einen Ruhestand.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 26. Mai 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und ergänzt, wie die Themen ausgegangen sind.
Die Bilder wirkten wie eine Montage: ein ausgewachsener Elefant im offenen, türkisfarbenen Wasser, der Rüssel als Schnorchel über der Oberfläche, darunter die vier Beine in einer Bewegung, die aussieht wie Laufen ohne Boden. Ein italienischer Fotograf hatte die Serie im Meer der Andamanen aufgenommen, und 2010 lief sie durch die Blogs, unsere Sammlung eingeschlossen.
Warum ein Elefant schwimmt
Der Elefant hieß Rajan und war kein Naturphänomen, sondern ein Arbeitstier. Ab den 1970er Jahren wurden auf der indischen Inselgruppe der Andamanen Elefanten für den Holztransport eingesetzt. Weil Straßen fehlten und die Inseln nah beieinander liegen, brachte man ihnen bei, die Meerengen zu durchschwimmen, teils über Strecken von mehreren Kilometern.
Elefanten können das von Natur aus gut. Sie sind ausdauernde Schwimmer, halten sich mit den Beinen über Wasser und nutzen den Rüssel zum Atmen. Was auf den Fotos wie ein Wunder aussieht, ist Anatomie plus jahrzehntelange Gewöhnung.
Was hinter dem Bild steht
Die Bilder sind schön, ihr Anlass ist es nicht. Der Grund, warum ein Elefant überhaupt zwischen Inseln schwamm, war der kommerzielle Holzeinschlag in einem der artenreichsten Waldgebiete Indiens. Der Einschlag wurde 2002 nach einem Urteil des indischen Obersten Gerichtshofs weitgehend gestoppt, was gut für den Wald war und die Arbeitselefanten von einem Tag auf den anderen überflüssig machte.
Für die Tiere war das kein Ruhestand. Ein ausgewachsener Elefant frisst über hundert Kilogramm am Tag, seine Versorgung kostet Geld, und Auswilderung ist bei einem Tier, das sein Leben unter Menschen verbracht hat, kaum möglich. Ein Teil der Andamanen-Elefanten wurde verkauft, ein Teil verwahrloste. Dieses Muster wiederholt sich weltweit, wo Arbeitstiere durch Maschinen oder Verbote ersetzt werden, und es ist der Grund, warum Schutzprojekte den Übergang mitplanen müssen und nicht nur das Verbot. Wie ähnliche Zielkonflikte im Naturschutz aussehen, ordnen wir in Klima und Natur verstehen ein.
Wie es ausging
Rajan hatte Glück im Vergleich zu vielen anderen. Er wurde von einer Tauchbasis übernommen, kam als Filmtier zu einem Auftritt in einer Hollywood-Produktion und verbrachte seine letzten Jahre in Obhut einer Gruppe, die seine Versorgung über Spenden trug. Das Schwimmen wurde ihm ab einem gewissen Alter erspart. 2016 starb er im geschätzten Alter von etwa 66 Jahren.
Er gilt als der letzte schwimmende Elefant der Andamanen. Die Bilder von 2010 sind damit weniger eine Naturaufnahme als ein Zeitdokument, das eine Arbeitsform festhält, die es nicht mehr gibt.
Warum solche Bilder trotzdem taugen
Fotos wie diese sind die wirksamste Eintrittskarte in ein Thema, und sie sind zugleich die unzuverlässigste Informationsquelle, weil sie den Kontext weglassen. Genau deshalb steht dieser Beitrag hier mit der Geschichte dahinter und nicht nur mit dem Bild.
Weitere Bildstrecken des alten Blogs stehen in der Kategorie Bilder, die kuratierten Fundstücke unter Bookmarks und der Gesamtbestand im Archiv. Was heute im eigenen Umfeld an Naturbeobachtung möglich ist, steht in der Rubrik Garten und Natur.
Zuletzt aktualisiert am .