Kurz notiert
Rentiere und die Erwärmung der Arktis
Zur Weihnachtszeit tauchen Rentiere überall auf. Die wilden Bestände sind in den letzten Jahrzehnten dramatisch geschrumpft, aus einem unerwarteten Grund.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 30. November 2009 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und um den heutigen Stand ergänzt.
Rentiere haben im Dezember Hochsaison, allerdings fast ausschließlich als Dekoration. Das Tier selbst hat wenig mit dem Bild zu tun: Rangifer tarandus, in Nordamerika Karibu genannt, ist die einzige Hirschart, bei der auch die Weibchen ein Geweih tragen, und die einzige, die in großen Herden über Hunderte Kilometer zieht. Und es ist eine der Arten, an denen sich die Erwärmung der Arktis am deutlichsten ablesen lässt.
Der Bestand
Auswertungen für den zirkumpolaren Raum zeigen über die letzten drei Jahrzehnte einen Rückgang der wilden Bestände um deutlich mehr als die Hälfte. Einzelne große Herden in Kanada und Sibirien haben in diesem Zeitraum über 90 Prozent ihrer Tiere verloren. Halbdomestizierte Bestände in Skandinavien und Russland sind stabiler, weil sie versorgt werden – die Zahlen sagen dort also mehr über die Hüter als über den Lebensraum.
Warum Regen schlimmer ist als Kälte
Kälte ist für ein Rentier kein Problem. Das Problem heißt Regen auf Schnee. Die Arktis erwärmt sich drei- bis viermal so schnell wie der globale Durchschnitt, und mit den milderen Wintern kommen Niederschläge, die früher als Schnee fielen und heute als Regen ankommen. Das Wasser sickert in die Schneedecke und gefriert darunter zu einer Eisschicht.
Rentiere fressen im Winter überwiegend Flechten, die sie mit den Hufen aus dem Schnee scharren. Durch eine Eisschicht kommen sie nicht. Auf der Halbinsel Jamal verhungerten im Winter 2013/14 auf diese Weise zehntausende Tiere innerhalb weniger Wochen. Solche Ereignisse häufen sich.
Dazu kommen langsamere Verschiebungen: Sträucher wachsen weiter nach Norden und verdrängen die Flechten, die für ihren Zuwachs Jahrzehnte brauchen. Frühere Schneeschmelze bringt die Wanderung aus dem Takt mit der Kalbungszeit. Und auftauender Permafrost verändert die Wege, die eine Herde nehmen kann.
Was daran allgemein ist
Der Fall zeigt ein Muster, das für viele Arten gilt: Nicht die Durchschnittstemperatur bringt eine Population in Not, sondern ein einzelnes Ereignis zur falschen Zeit. Ein warmer Regentag im Januar richtet mehr an als ein warmer Sommer. Warum die Erwärmung nicht gleichmäßig verläuft und was die Rückkopplung durch schwindendes Meereis damit zu tun hat, steht unter Treibhauseffekt erklärt und Klima und Natur verstehen.
Die Rentiere aus dem Dezember sind übrigens eine ziemlich junge Erfindung: Sie stammen aus einem amerikanischen Gedicht von 1823, und die rote Nase kam gut ein Jahrhundert später aus einer Werbebroschüre dazu. Wie sich die Feiertage mit weniger Aufwand und weniger Müll bestreiten lassen, steht unter Müll vermeiden.
Weitere Kurzmeldungen aus dem alten Blog stehen unter Kurz notiert, der Gesamtbestand im Archiv.
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