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Mode

Leder gegen Kunstleder

Die Frage lässt sich nicht allgemein beantworten, weil beide Materialien an völlig verschiedenen Stellen problematisch sind. Entscheidend ist, wie lange das Teil hält.

Leder oder Kunstleder ist keine Frage mit einer richtigen Antwort. Leder kommt aus der Tierhaltung und wird meist mit Chromsalzen gegerbt. Kunstleder besteht in aller Regel aus Kunststoff auf Erdölbasis und hält deutlich kürzer. Die eine Bilanz belastet die Herstellung, die andere die Entsorgung. Was am Ende besser abschneidet, entscheidet vor allem eine Größe: die Nutzungsdauer.

Wie Leder entsteht

Eine rohe Haut würde verrotten. Gerben vernetzt die Kollagenfasern und macht sie haltbar. Dafür gibt es zwei relevante Wege.

Chromgerbung dominiert mit grob 80 bis 90 Prozent der Weltproduktion. Sie dauert Stunden, ist günstig und ergibt weiches, dehnbares Leder mit gleichmäßiger Farbe. Das Chrom III im fertigen Leder gilt als unbedenklich. Das Problem liegt in der Produktion: Abwässer mit Chromsalzen, Sulfiden und Gerbereirückständen, oft in Regionen ohne funktionierende Klärung. Unter ungünstigen Bedingungen kann zusätzlich Chrom VI entstehen, das allergen ist und in der EU über Grenzwerte reguliert wird.

Pflanzliche Gerbung arbeitet mit Tanninen aus Rinde, Holz und Früchten. Sie dauert Wochen bis Monate, ist entsprechend teurer und ergibt festes, formstabiles Leder, das sich mit der Zeit dunkel färbt und Patina ansetzt. Für Gürtel, Taschen und Schuhsohlen ist es das bessere Material, für weiche Bekleidung weniger geeignet.

Chromgegerbt Pflanzlich gegerbt
Dauer Stunden Wochen bis Monate
Haptik weich, dehnbar fest, formstabil
Wasserfestigkeit höher geringer, dunkelt nach
Abwasserlast hoch, ohne Klärung kritisch geringer, aber hohe Frachten organisch
Reparierbarkeit gut sehr gut
Preis niedrig deutlich höher

Wenn kein Hinweis auf die Gerbart zu finden ist, ist es chromgegerbt. Pflanzliche Gerbung wird immer beworben, weil sie teuer ist.

Kunstleder in seinen Varianten

PVC ist die ältere Variante, günstig und robust, aber mit Weichmachern versetzt, die im Laufe der Zeit ausdünsten. Das Material wird dann hart und brüchig. In Bekleidung ist es weitgehend verdrängt.

Polyurethan ist heute Standard. Es ist weicher, atmungsaktiver und weichmacherfrei, altert aber durch Hydrolyse: Feuchtigkeit spaltet die Polymerketten, die Oberfläche wird klebrig und schält sich ab. Das passiert unabhängig von der Nutzung, auch im Schrank, typischerweise nach drei bis acht Jahren.

Mikrofaserleder ist eine höherwertige Variante mit Vliesträger, die deutlich länger hält und in Schuhen und Autositzen verbaut wird. Sie ist teurer und wird selten als solche ausgewiesen.

Beim Waschen und Abrieb setzt jedes Kunstleder Mikroplastik frei, wie andere Synthetik auch – der Zusammenhang steht unter Nachhaltige Stoffe.

Pilz- und Kaktusleder

Die neuen Materialien sind interessant, aber selten das, was ihr Name suggeriert.

  • Kaktusleder besteht aus getrocknetem, gemahlenem Feigenkaktus, gebunden auf einem Textilträger. Der Bindeanteil ist Polyurethan, üblich sind Größenordnungen um die Hälfte. Der Kaktus wächst ohne Bewässerung, das ist der echte Vorteil.
  • Apfel- und Traubenleder nutzen Trester aus der Saft- und Weinproduktion, ebenfalls mit PU-Bindung auf Trägergewebe.
  • Pilzleder aus Myzel ist das technisch spannendste Material, weil es ohne Trägergewebe auskommen kann und in der Struktur echtem Leder nahekommt. Es ist bislang teuer, in kleinen Mengen verfügbar und in der Langzeithaltbarkeit wenig erprobt.
  • Kork ist der ehrlichste Vertreter der Gruppe: nachwachsend, geerntet ohne den Baum zu fällen, meist auf Textil kaschiert.

Die ehrliche Einordnung lautet: Diese Materialien vermeiden Tierhaltung und Gerberei, sind aber überwiegend Verbundmaterialien mit Kunststoffanteil, also weder kompostierbar noch recycelbar. Wer sie kauft, sollte den PU-Anteil erfragen. Wo solche Angaben zu finden sind, steht unter Nachhaltige Modemarken erkennen.

Die Rechnung über die Nutzungsdauer

Ökobilanzen zeigen für die Herstellung eines Quadratmeters Kunstleder in fast allen Kategorien niedrigere Werte als für Leder, weil Tierhaltung mit Futter, Fläche und Methan einen großen Sockel mitbringt. Warum Methan dabei anders zu gewichten ist als CO2, steht unter Treibhauseffekt erklärt. Diese Rechnung dreht sich allerdings, wenn man die Nutzungsdauer einbezieht.

Ein pflanzlich gegerbter Ledergürtel oder eine gut gemachte Ledertasche halten bei Pflege Jahrzehnte und lassen sich nachfärben, nachnähen und aufarbeiten. Ein PU-Pendant hält in der Regel wenige Jahre und ist danach nicht reparierbar, weil die Oberfläche keine Naht mehr trägt. Wer dreimal ersetzt, hat dreimal produziert.

Am deutlichsten zeigt sich das bei Schuhen. Ein rahmengenähter Lederschuh lässt sich mehrfach neu besohlen, ein verklebter Sneaker aus PU meist einmal, oft gar nicht – die Details dazu stehen unter Sneaker-Pflege.

Wie du praktisch entscheidest

Ohne Vorentscheidung, aber mit klaren Fragen:

  1. Wie lange soll das Stück halten? Für ein Teil, das Jahrzehnte tragen soll, spricht viel für pflanzlich gegerbtes Leder. Für eine Modefarbe, die in zwei Saisons durch ist, ist der Aufwand nicht gerechtfertigt.
  2. Lässt es sich reparieren? Genähte Verbindungen sind reparierbar, verklebte und verschweißte nicht.
  3. Gibt es das Stück gebraucht? Leder aus zweiter Hand umgeht die gesamte Herstellungsfrage. Wie man Zustand beurteilt, steht unter Second-Hand-Tipps.
  4. Wenn Kunstleder, dann welches? Mikrofaserleder und PU auf gewebtem Träger halten deutlich länger als dünne PU-Beschichtungen auf Vlies.

Wer aus Gründen des Tierschutzes kein Leder möchte, trifft eine Entscheidung, die eine Ökobilanz nicht abbilden kann. Das ist legitim; wichtig ist nur, dass die Alternative dann ebenfalls auf Haltbarkeit ausgesucht wird und nicht als Wegwerfvariante endet.

Häufige Fragen

Ist Leder ein Abfallprodukt der Fleischindustrie?

Überwiegend ja, vollständig nein. Häute fallen ohnehin an, und ohne Lederverarbeitung müssten sie entsorgt werden. Bei besonders hochwertigen Ledern und bei einigen Herkünften ist die Haut aber preisbestimmend genug, um die Tierhaltung mitzutragen. Die Formulierung reines Abfallprodukt ist deshalb zu einfach.

Was ist an Chromgerbung problematisch?

Nicht das Chrom III im fertigen Leder, das gilt als unbedenklich, sondern die Abwässer und Arbeitsbedingungen dort, wo ohne Kläranlage gearbeitet wird. Unter ungünstigen Bedingungen kann außerdem Chrom VI entstehen, das allergen ist und in der EU begrenzt wird.

Ist veganes Leder besser für die Umwelt?

In der Herstellung meist ja, in der Nutzungsdauer meist nein. PU-Kunstleder verbraucht in der Produktion weniger Wasser und keine Tierhaltung, löst sich aber nach einigen Jahren in Schichten auf und lässt sich nicht reparieren. Über zehn Jahre gerechnet kippt der Vergleich häufig zugunsten von Leder.

Wie lange hält Kunstleder?

Je nach Qualität und Beanspruchung zwei bis acht Jahre. Typisch ist die Hydrolyse der Polyurethanschicht, bei der die Oberfläche klebrig wird und sich abschält. Wärme, Feuchtigkeit und Hautfette beschleunigen den Prozess, weshalb Taschenhenkel und Schuhinnenseiten zuerst betroffen sind.

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