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So erlebt man den Klimawandel

Der Klimawandel war 2009 abstrakt, fern und statistisch. Kampagnen versuchten, ihn sichtbar zu machen. Heute übernimmt das die Wirklichkeit.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 6. Dezember 2009 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und ergänzt, wie die Sache ausgegangen ist.

Der Beitrag erschien einen Tag vor Beginn der Klimakonferenz von Kopenhagen und griff eine Greenpeace-Kampagne auf, die den Klimawandel anschaulich machen sollte. Welches Video genau eingebettet war, lässt sich aus dem erhaltenen Archivstand nicht mehr feststellen, das eingebundene Material ist verloren. Das Thema dahinter ist es nicht, und es hat sich seitdem stärker verändert als fast alles andere aus diesen Jahren.

Das Problem von 2009

Der Klimawandel war damals kommunikativ eine Zumutung. Er war global, während Menschen lokal denken. Er war langsam, während Aufmerksamkeit schnell ist. Er war statistisch, während Geschichten Einzelfälle brauchen. Und er lag in der Zukunft, während Handeln jetzt stattfinden sollte.

Die Kampagnen dieser Jahre versuchten, diese vier Lücken mit Bildern zu schließen. Der Eisbär auf der Scholle, überflutete Inselstaaten, Vorher-Nachher von Gletschern, Countdown-Uhren. Das funktionierte als Symbol und scheiterte an der Übertragung: Wer das Bild sah, verstand das Thema und verlegte es dabei gleichzeitig weit weg.

Dazu kam ein Effekt, den die Kommunikationsforschung inzwischen gut beschrieben hat. Angstbotschaften erzeugen Aufmerksamkeit, aber wenn keine erreichbare Handlungsmöglichkeit mitgeliefert wird, folgt Abwehr statt Handeln. Genau das war die Schwäche vieler Kampagnen aus dem Umfeld von Kopenhagen, und der Gipfel selbst, der ohne Abkommen endete, verstärkte sie noch.

Der zweite Konstruktionsfehler war die Adressierung. Die Botschaft richtete sich an alle gleichzeitig und damit an niemanden bestimmten. Wer eine Kampagne sieht, die Menschheit möge handeln, hat danach keine Aufgabe. Dass parallel dazu die Verantwortung immer stärker auf den einzelnen Verbraucher geschoben wurde, hat diesen Widerspruch nicht aufgelöst, sondern vertieft.

Was sich seitdem verändert hat

Die Wirklichkeit erledigt die Anschaulichkeit. Trockensommer, die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021, Waldbrände in Regionen, in denen es keine gab, Hitzewarnungen in deutschen Städten: Der Klimawandel ist als Erfahrung angekommen. Kampagnen müssen ihn nicht mehr vorstellbar machen.

Attribution statt Andeutung. Nach 2010 hat sich ein Forschungszweig etabliert, der ein konkretes Ereignis in einer simulierten Welt ohne menschlichen Einfluss nachrechnet und angibt, um welchen Faktor es wahrscheinlicher geworden ist. Für Hitzewellen und Starkregen liegen solche Analysen inzwischen oft binnen Wochen vor. Das hat die Kommunikation von Behauptung auf Zahl umgestellt.

Vom Banner zum Gericht. Der wirkungsvollste Teil der Umweltverbandsarbeit findet heute vor Gerichten statt. In den Niederlanden verpflichtete ein Urteil 2019 den Staat zu stärkerer Minderung, das Bundesverfassungsgericht erklärte 2021 Teile des deutschen Klimaschutzgesetzes für unzureichend, weil sie Lasten in die Zukunft verschieben, und 2024 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass unzureichender Klimaschutz Menschenrechte verletzen kann. Das ist unspektakulärer als ein Banner an einem Schornstein und wirkt länger.

Was gute Klimakommunikation heute ausmacht

Drei Punkte haben sich als tragfähig erwiesen:

  • Nähe. Was passiert hier, in diesem Landkreis, mit diesem Grundwasser.
  • Handlungsfähigkeit. Eine Maßnahme, die man tatsächlich umsetzen kann, statt eines Appells an alle.
  • Ehrlichkeit über Größenordnungen. Nicht jede Maßnahme wiegt gleich schwer, und das zu verschweigen kostet Glaubwürdigkeit.

Was physikalisch dahintersteckt, ohne Symbolbilder, steht unter Treibhauseffekt erklärt. Die Rubrik Klima und Natur verstehen sortiert die Größenordnungen, und die Rubrik Ökostrom und Energie zeigt, wo im Haushalt tatsächlich etwas hängt.

Wie sich der Dezember 2009 im Netz angefühlt hat, mit Kampagnen, Countdowns und Erwartungen, steht im Archiv.

Häufige Fragen

Wirken drastische Bilder in der Klimakommunikation?

Nur begrenzt. Untersuchungen zeigen, dass Angstbotschaften Aufmerksamkeit erzeugen, aber Abwehr auslösen, wenn keine erreichbare Handlungsmöglichkeit mitgeliefert wird. Wirksamer ist die Kombination aus konkretem lokalem Bezug und einer Handlung, die man tatsächlich ausführen kann.

Warum war der Eisbär so lange das Symbol?

Weil er eine klare Geschichte transportierte, ein Tier auf schmelzendem Eis. Genau das war das Problem: Er verlegte das Thema in eine Region, in der niemand wohnt, und in eine Zeitform, die nach Zukunft klang. Regionale Bezüge wie Grundwasser, Waldsterben oder Starkregen leisten heute mehr.

Kann man einzelne Ereignisse dem Klimawandel zuschreiben?

Bei Hitzewellen und Starkregen inzwischen mit Wahrscheinlichkeitsangaben. Die Attributionsforschung rechnet ein Ereignis in einer simulierten Welt ohne menschlichen Einfluss nach und vergleicht die Häufigkeiten. Bei anderen Ereignistypen bleibt die Zuordnung schwach, das gehört zur seriösen Darstellung dazu.

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