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Der Zeitraffer der Aschewolke
Mitte Mai 2010 brodelte der Vulkan erneut. Der Zeitraffer, der damals kursierte, wurde für Island zur wirksamsten Werbung seiner Geschichte.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 14. Mai 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und ergänzt, wie die Sache ausgegangen ist.
Vier Wochen nach dem großen Flugverbot brodelte der Eyjafjallajökull wieder, und die Zeitungen diskutierten erneut über Sperrungen. Der Beitrag von damals zeigte stattdessen ein Zeitraffervideo, das ein amerikanischer Filmemacher am
- Mai auf Island gedreht hatte. Seine eigene Erklärung dazu war entwaffnend ehrlich: Er habe lauter mittelmäßige Bilder von diesem Vulkan gesehen und gedacht, das müsse besser gehen. Wegen des Flugverbots brauchte er vier Tage für die Anreise und wartete danach vier weitere Tage auf brauchbares Wetter.
Warum diese Aufnahmen hängen blieben
Zeitraffer war 2010 gerade dabei, aus der Fachnische in die sozialen Netzwerke zu wandern. Digitale Spiegelreflexkameras konnten seit kurzem Videos in hoher Auflösung, die Bandbreite reichte erstmals aus, um solche Clips ohne Ruckeln zu verbreiten, und Vimeo war das Schaufenster dafür.
Der inhaltliche Effekt ist ein physikalischer. Eine Eruptionssäule bewegt sich in Echtzeit für das Auge zäh. Im Zeitraffer wird sichtbar, dass sie sich wie eine Flüssigkeit verhält: Wirbel rollen ein, Aschefahnen falten sich, die Wolkenkante atmet. Was aussieht wie ein Effekt, ist schlicht eine Zeitskala, für die menschliche Wahrnehmung nicht ausgelegt ist.
Was im Mai tatsächlich passierte
Die zweite Phase war schwächer als die im April, sie führte trotzdem zu weiteren Sperrungen, vor allem über Irland, Schottland und der Iberischen Halbinsel. Der entscheidende Unterschied lag in den Regeln: Nach der Krise im April galten gestaffelte Grenzwerte für Aschekonzentrationen statt der pauschalen Regel, jede messbare Asche zu meiden. Deshalb blieben die Ausfälle diesmal überschaubar.
Im Juni endete die Aktivität, im Oktober 2010 wurde der Ausbruch offiziell für beendet erklärt. Der befürchtete Folgeausbruch des größeren Nachbarvulkans ist bis heute ausgeblieben.
Vor Ort blieb trotzdem Arbeit übrig. Aschefall verdirbt Weideland, feiner Staub setzt Atemwegen von Mensch und Tier zu, und Schmelzwasser hatte Straßen und Deiche beschädigt. Diese Seite des Ereignisses tauchte in den internationalen Bildergalerien kaum auf, weil sie unspektakulär aussieht.
Wie es ausgegangen ist
Der eigentliche Nachhall ist wirtschaftlicher Natur, und er verlief entgegen aller Erwartungen. Island stand 2010 nach der Bankenkrise wirtschaftlich am Boden und hatte gerade weltweit den Ruf, den Flugverkehr lahmzulegen. Das Land startete daraufhin eine Tourismuskampagne, die genau darauf setzte: Wer ohnehin über Island redet, soll auch hinfahren.
Es funktionierte besser als jeder Plan. Die Besucherzahlen stiegen von rund einer halben Million im Jahr 2010 auf über zwei Millionen gegen Ende des Jahrzehnts. Vulkantourismus wurde zum festen Programmpunkt, und als ab 2021 die Eruptionen auf der Halbinsel Reykjanes begannen, waren Wanderwege, Absperrungen und Führungen binnen Tagen organisiert. Aus der Naturkatastrophe von 2010 wurde ein Geschäftsmodell.
Die Kehrseite kam mit Verzögerung: überlaufene Naturschauplätze, erodierende Pfade, Diskussionen über Zugangsgebühren und über den Flugverkehr, der die Gäste bringt. Das ist ein anderes Problem als 2010, aber es hat denselben Ursprung.
Die nüchterne Einordnung
Für das Klima war dieser Ausbruch bedeutungslos. Kühlende Wirkung entfalten nur sehr große Eruptionen, die Schwefelaerosole bis in die Stratosphäre schleudern, und davon war dieser weit entfernt. Warum das so ist, steht unter Treibhauseffekt erklärt, der größere Zusammenhang in der Rubrik Klima und Natur verstehen.
Was bleibt, ist ein Video und die Erkenntnis, dass Bilder Ereignisse überleben. Wie das Frühjahr 2010 im Netz aussah, steht im Archiv.
Häufige Fragen
Warum wirken Vulkanaufnahmen im Zeitraffer so anders?
Weil die Bewegung einer Eruptionssäule in Echtzeit langsam wirkt. Im Zeitraffer wird sichtbar, dass sie sich wie eine Flüssigkeit verhält, mit Wirbeln, Einrollungen und Wellen. Das ist keine Verfremdung, sondern eine Zeitskala, für die das Auge nicht gebaut ist.
Gab es im Mai 2010 noch einmal ein Flugverbot?
Ja, aber deutlich kleinräumiger und kürzer. Zu diesem Zeitpunkt galten bereits gestaffelte Grenzwerte für Aschekonzentration statt der pauschalen Null-Toleranz-Regel vom April. Betroffen waren vor allem Irland, Schottland und die Iberische Halbinsel.
Wann war der Ausbruch vorbei?
Die Aktivität endete im Juni 2010, offiziell für beendet erklärt wurde der Ausbruch im Oktober desselben Jahres, nachdem drei Monate lang nichts mehr passiert war.
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