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Brauchen Vögel im Winter überhaupt Futter?
Die Streitfrage von damals ist heute besser beantwortbar. Die kurze Version, Füttern hilft ein paar häufigen Arten, dem Artenschwund hilft es nicht.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 1. Dezember 2009 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und ergänzt, wie die Sache ausgegangen ist.
Die Frage war 2009 ein Dauerbrenner in jedem Umweltforum, und die Antworten waren sortiert wie Fußballvereine. Die eine Seite sagte, Füttern sei Naturschutz. Die andere sagte, wer füttere, züchte Meisen und helfe keiner einzigen bedrohten Art. Beide Seiten hatten in Teilen recht, und heute lässt sich das genauer sortieren als damals.
Was damals der Stand war
Die Naturschutzverbände empfahlen Fütterung bei geschlossener Schneedecke und Dauerfrost, also von etwa November bis Februar. Begründet wurde das mit Tierschutz und mit dem Wert der Naturbeobachtung, ausdrücklich nicht mit Artenschutz. Parallel warb Vogelforschung aus Radolfzell dafür, ganzjährig zu füttern, weil in der ausgeräumten Landschaft auch im Sommer Nahrung fehle. Zwischen diesen beiden Positionen lief die Diskussion, und daran hat sich im Kern wenig geändert.
Was seitdem dazugekommen ist
Drei Befunde sind belastbar genug, um sie zu nennen.
Fütterung wirkt, aber selektiv. Ans Futterhaus kommen regelmäßig etwa zehn bis 15 Arten: Kohlmeise, Blaumeise, Feldsperling, Haussperling, Grünfink, Buchfink, Amsel, Rotkehlchen, Kleiber, Buntspecht und ein paar weitere. Von den rund 250 Brutvogelarten in Deutschland ist das ein schmaler Ausschnitt, und es ist überwiegend der Ausschnitt, dem es ohnehin vergleichsweise gut geht.
Fütterung verschiebt das Gefüge. Britische Langzeitauswertungen über mehrere Jahrzehnte zeigen, dass sich die Zusammensetzung der Gartenvogelgemeinschaft mit der Verbreitung von Futterstellen messbar verändert hat, zugunsten der Arten, die Futterstellen nutzen können. Das ist kein Argument gegen Fütterung, aber es widerlegt die Vorstellung, man würde damit einen neutralen Zustand stützen.
Fütterung überträgt Krankheiten. Seit 2009, also praktisch zeitgleich mit diesem Beitrag, treten in Mitteleuropa Sommer für Sommer Ausbrüche von Trichomonaden bei Grünfinken auf. Die Erreger gehen über verunreinigtes Futter und Wasser von Vogel zu Vogel. In Großbritannien hat dieser Erreger den Grünfinkenbestand deutlich einbrechen lassen. Wer füttert, entscheidet mit seiner Hygiene, auf welche Seite dieser Bilanz er sich stellt.
Wie man es praktisch richtig macht
Die Punkte sind unspektakulär und wirken trotzdem:
- Silo-Spender statt offener Schale, damit die Vögel nicht im Futter sitzen.
- Futterstelle regelmäßig reinigen, bei Krankheitsverdacht sofort abbauen und einige Wochen pausieren.
- Vogeltränken im Sommer täglich leeren und ausspülen, sie sind der zweite große Übertragungsweg.
- Kein Brot, keine Speisereste, nichts Gesalzenes.
- Standort so wählen, dass Katzen keine Deckung haben und Fensterscheiben nicht in der Anflugschneise liegen.
Die ausführliche Fassung mit Futterarten, Standortwahl und Zeitraum steht unter Vögel im Winter füttern.
Der ehrliche Punkt
Wer den Beständen wirklich helfen will, kommt am Futterhaus vorbei. Was zählt, sind Insekten, Samenstände und Struktur. Ein Garten, in dem Stauden über den Winter stehen bleiben, in dem Laub liegen darf und in dem etwas blüht, das Wildbienen und Schwebfliegen ernährt, trägt mehr bei als jeder Meisenknödel. Wie das aussieht, steht unter Wildbienen im Garten und in der Rubrik Garten und Natur.
Und der Futterplatz? Der darf trotzdem bleiben. Er ist der Grund, warum viele Leute überhaupt anfangen, hinzusehen. Das ist ein Wert, nur eben ein anderer, als 2009 behauptet wurde. Wie damals über Natur geschrieben wurde, steht im Archiv.
Häufige Fragen
Soll ich ganzjährig füttern oder nur im Winter?
Beides ist vertretbar. Ganzjährige Fütterung erhöht nachweislich den Bruterfolg einiger Arten, sie erhöht aber auch das Risiko für Krankheitsübertragung und verschiebt das Artengefüge stärker. Wer ganzjährig füttert, muss die Hygiene ernst nehmen, sonst kippt der Nutzen ins Gegenteil.
Welches Futter ist das richtige?
Sonnenblumenkerne und Fettfutter decken den größten Teil ab, Erdnussbruch und Haferflocken ergänzen. Weichfutterfresser wie Rotkehlchen und Amsel nehmen Rosinen und Obst. Nicht ans Futterhaus gehören Brot, gesalzene Reste und alles Gewürzte.
Warum ist das Futterhäuschen problematisch?
In der offenen Schale sitzen die Vögel im Futter und koten hinein. Genau darüber laufen Trichomonaden und Salmonellen. Silo-Spender geben nur portionsweise ab und halten das Futter trocken, das senkt die Infektionsgefahr deutlich.
Hilft Füttern gegen das Vogelsterben?
Nein. Die Arten mit den stärksten Rückgängen sind Feldvögel wie Kiebitz, Feldlerche oder Rebhuhn, die nie an ein Futterhaus kommen. Ihre Bestände hängen an der Agrarlandschaft, nicht an Sonnenblumenkernen.
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