Blog
Umweltsünden in China und ihre Berichterstatter
Wer über Umweltschutz schreibt, legt sich mit der Wirtschaft an. Der Satz stammt von 2010 und beschreibt eine Lage, die sich seitdem in zwei Richtungen entwickelt hat.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 25. Juni 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und ergänzt, wie die Sache ausgegangen ist.
Der Beitrag von damals war kurz. Er verwies auf einen Artikel über einen chinesischen Enthüllungsjournalisten, der über Umweltsünden berichtet hatte und dem das beruflich zum Verhängnis geworden war. Das Kernzitat lautete sinngemäß: Wer über Umweltthemen schreibt, legt sich mit der Wirtschaft an. Gesagt wurde das auf einem internationalen Medienforum in Bonn.
Fünfzehn Jahre später lässt sich beides prüfen: die Diagnose und das, was aus dem Land geworden ist.
Warum Umweltberichterstattung riskant ist
Der Satz von 2010 beschreibt einen Mechanismus, der nicht auf China beschränkt ist. Umweltschäden haben immer einen wirtschaftlichen Nutznießer. Eine Recherche über eine verseuchte Fabrik ist deshalb nie nur eine Umweltgeschichte, sondern eine über Arbeitsplätze, Steueraufkommen und lokale Politik.
In China kam ein zweiter Punkt hinzu. Umweltthemen galten lange als das relativ sichere Feld im Journalismus, weil sie sich als technisches Problem behandeln ließen. Genau deshalb wanderten kritische Reporter dorthin. Und genau deshalb wurde das Feld irgendwann selbst politisch. Die bekanntesten Recherchen dieses Journalisten betrafen große Staudammprojekte im Südwesten des Landes, eines der umstrittensten Vorhaben wurde nach der Berichterstattung gestoppt. Für ihn endete die Sache mit dem Verlust seiner Position bei einer der wenigen recherchestarken Zeitungen des Landes. Später arbeitete er für eine zweisprachige Umweltplattform mit Sitz in London und Peking.
Was sich seitdem verändert hat
Der Befund ist zweigeteilt, und beide Hälften gehören zusammen.
Umweltpolitisch hat sich viel bewegt. 2013 begann die Regierung, Messwerte zur Luftqualität in Echtzeit zu veröffentlichen, was den öffentlichen Druck schlagartig erhöhte. 2014 wurde das Umweltschutzgesetz grundlegend überarbeitet: Seit 2015 sind tägliche und damit unbegrenzt kumulierende Strafzahlungen möglich, und anerkannte Organisationen dürfen im öffentlichen Interesse klagen. Die Feinstaubbelastung in Peking sank innerhalb von gut zehn Jahren um rund zwei Drittel. Das ist eine der größten dokumentierten Verbesserungen der Luftqualität, die je in so kurzer Zeit erreicht wurde.
Medial hat sich der Raum verengt. Der investigative Journalismus, aus dem diese Themen kamen, ist weitgehend verschwunden. Eine 2015 unabhängig produzierte Dokumentation über Luftverschmutzung erreichte binnen Tagen dreistellige Millionen-Abrufe und wurde anschließend aus dem chinesischen Netz entfernt. Die Arbeitsbedingungen für in- und ausländische Berichterstatter haben sich seitdem weiter verschlechtert, in internationalen Ranglisten zur Pressefreiheit steht das Land seit Jahren am unteren Ende.
Beides zugleich ist der eigentliche Befund: Ein Staat kann Umweltprobleme angehen, ohne die Öffentlichkeit zuzulassen, die sie ans Licht gebracht hat.
Der größere Zusammenhang
China ist heute der mit Abstand größte Emittent von Treibhausgasen und gleichzeitig der größte Ausbauer erneuerbarer Energien. Beides ist wahr, und jede Darstellung, die nur eine Hälfte zeigt, ist Propaganda in die eine oder die andere Richtung. Der überwiegende Teil der weltweit verbauten Solarmodule und Batteriezellen stammt aus chinesischer Produktion, auch die Module an deutschen Balkonen, siehe Balkonkraftwerk und Solar.
Wie sich diese Abhängigkeiten in der Energieversorgung niederschlagen, steht in der Rubrik Ökostrom und Energie, der klimapolitische Rahmen unter Klima und Natur verstehen.
Was vom Beitrag von 2010 bleibt
Die Diagnose. Wer über Umweltschäden schreibt, berührt wirtschaftliche Interessen, und die Reaktion darauf sagt mehr über ein Land aus als jede Absichtserklärung. Wie damals über solche Themen berichtet wurde, steht im Archiv.
Häufige Fragen
Hat China seine Umweltprobleme in den Griff bekommen?
Bei der Luftqualität sind die Fortschritte erheblich und gut belegt, die Feinstaubwerte in den großen Städten sanken innerhalb eines Jahrzehnts drastisch. Bei Boden- und Grundwasserbelastung, bei Chemikalien und beim Kohleverbrauch ist die Lage weiter schwierig. Und der wichtigste Punkt fehlt in beiden Bilanzen: China ist der mit Abstand größte Emittent von Treibhausgasen.
Warum sind Umweltthemen politisch heikel?
Weil sie Eigentumsverhältnisse berühren. Ein Bericht über eine verseuchte Fabrik betrifft Arbeitsplätze, Steueraufkommen und regionale Politik gleichzeitig. Das gilt nicht nur in China, dort aber mit deutlich härteren Folgen für die Berichterstatter.
Was tut sich beim Ausbau der Erneuerbaren?
Sehr viel. China baut seit Jahren mehr Solar- und Windkapazität zu als der Rest der Welt zusammen und stellt den überwiegenden Teil der weltweit verbauten Solarmodule und Batteriezellen her. Beides gleichzeitig zu sehen, den enormen Ausbau und den weiterhin hohen Kohleanteil, ist die einzige ehrliche Darstellung.
Zuletzt aktualisiert am .