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Klima und Natur

Wälder und CO2

Der deutsche Wald war jahrzehntelang eine CO2-Senke. In den Trockenjahren ab 2018 hat sich das Vorzeichen mancherorts umgekehrt.

Wald bindet Kohlenstoff, das ist unstrittig. Strittig ist, wie viel, wie lange und wie verlässlich. Der deutsche Wald war über Jahrzehnte eine Senke, hat also mehr aufgenommen als abgegeben. Seit den Trockenjahren ab 2018 gilt das nicht mehr überall: In stark geschädigten Regionen ist aus dem Speicher zeitweise eine Quelle geworden, weil absterbende Bestände und aufgearbeitetes Schadholz mehr freisetzen, als der Zuwachs bindet.

Wo der Kohlenstoff im Wald wirklich liegt

Die intuitive Vorstellung ist der Baumstamm. Tatsächlich liegt in gemäßigten Wäldern grob die Hälfte bis zwei Drittel des Kohlenstoffs im Boden: in Humusauflage, Wurzeln, Totholz und mineralischem Bodenkohlenstoff.

Das hat Folgen für die Praxis. Ein Kahlschlag setzt nicht nur den Vorrat des Holzes frei, sondern öffnet auch den Boden. Sonne und Sauerstoff beschleunigen den Abbau der Humusauflage, die Freisetzung läuft Jahre weiter. Bodenschonende Bewirtschaftung mit dauerhafter Beschirmung hält mehr fest als jede Aufforstungsaktion neu aufbaut.

Speicher Anteil grob Zeitskala des Aufbaus
Stammholz und Krone ein Drittel bis Hälfte Jahrzehnte
Wurzeln und Totholz ein Zehntel bis Fünftel Jahrzehnte
Humus und Bodenkohlenstoff Hälfte bis zwei Drittel Jahrhunderte
Holzprodukte im Gebäude klein, aber langlebig Jahrzehnte bis Jahrhunderte

Was die Trockenjahre angerichtet haben

Ab 2018 kamen mehrere Faktoren zusammen: außergewöhnlich warme Sommer, geringe Niederschläge über mehrere Vegetationsperioden und dadurch geschwächte Bäume. Die Fichte, in Deutschland großflächig außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets angebaut, konnte sich nicht mehr wehren.

Eine gesunde Fichte drückt anfliegende Borkenkäfer mit Harz heraus. Ohne ausreichend Wasser fehlt der Harzdruck. Gleichzeitig erlauben warme Jahre dem Buchdrucker eine zusätzliche Generation pro Saison. Aus einem beherrschbaren Befall wird so eine Massenvermehrung, die auch vitale Nachbarbestände mitnimmt. Es folgten mehrere hundert Millionen Kubikmeter Schadholz, ein Preisverfall am Holzmarkt und großflächig offene Flächen.

Was daraus für den Umbau folgt

Die Konsequenz in der Forstwirtschaft ist nicht mehr Fichte an anderer Stelle, sondern Mischung: mehrere Arten, mehrere Altersstufen, standortgerechte Herkünfte, Naturverjüngung statt Reihenpflanzung. Das senkt das Risiko, dass ein einzelner Schaderreger oder ein einzelner Sturm einen ganzen Bestand nimmt. Es dauert allerdings Jahrzehnte und funktioniert nur, wenn der Wildverbiss in den Griff kommt: Wo jede Tanne und Eiche verbissen wird, wächst am Ende doch wieder das nach, was das Wild verschmäht.

Aufforstung und ihre Grenzen

Bäume pflanzen ist die beliebteste Klimamaßnahme, weil sie greifbar ist. Ihre Grenzen sind aber deutlich:

  • Fläche. Wirklich freie Fläche gibt es kaum. Was verfügbar aussieht, ist oft Grünland, Moor oder Trockenrasen und damit selbst ein Ökosystem, teils mit höherem Bodenkohlenstoff als der Wald, der darauf entstünde. Die Konflikte dabei sind dieselben wie unter Artenvielfalt in Deutschland beschrieben.
  • Zeit. Ein Setzling bindet in den ersten Jahren fast nichts. Die Emission von heute wird also frühestens in Jahrzehnten ausgeglichen.
  • Dauerhaftigkeit. Ein Wald kann brennen, vertrocknen oder gerodet werden. Der Kohlenstoff im Holz ist geliehen, nicht deponiert.
  • Albedo. In nördlichen Breiten verdunkelt Nadelwald die Schneedecke und erwärmt dadurch lokal. In den Tropen überwiegt der Kühleffekt eindeutig, in gemäßigten Breiten liegt es dazwischen.

Das ist kein Argument gegen Wald, sondern gegen die Rechnung, ein bestimmter Baum gleiche eine bestimmte Tonne aus.

Kompensationszertifikate, nüchtern betrachtet

Der Handel mit freiwilligen Kompensationen beruht auf einer Gegenrechnung: Was wäre ohne das Projekt passiert? Diese Zusätzlichkeit ist nicht messbar, sondern geschätzt. Genau dort liegt die Schwäche. Mehrere unabhängige Auswertungen von Waldschutzprojekten kamen zu dem Ergebnis, dass ein Großteil der Zertifikate deutlich weniger Wirkung hatte als ausgewiesen, weil die angenommene Vergleichsentwicklung zu pessimistisch angesetzt war.

Dazu kommen drei strukturelle Probleme: Verlagerung, wenn die Rodung einfach nebenan stattfindet; Dauerhaftigkeit, weil ein Vertrag über 30 Jahre für Kohlenstoff mit Jahrhundertwirkung kurz ist; und Doppelzählung, wenn Projektland und Käuferland dieselbe Einsparung verbuchen.

Brauchbar bleibt Kompensation dort, wo die Wirkung physikalisch nachprüfbar ist: Stilllegung von Emissionsrechten, Verschluss von Methanquellen, Wiedervernässung von Mooren mit Messstellen. Und in jedem Fall gilt die Reihenfolge: erst vermeiden, dann reduzieren, dann kompensieren. Was im Haushalt an vermeidbaren Tonnen steckt, steht unter CO2-Fußabdruck berechnen, der größte Einzelposten meist beim Strom – siehe Ökostrom.

Wer den Effekt vor der eigenen Tür will, kommt am ehesten über Boden und Bewuchs dorthin. Ein humusreicher, nicht umgegrabener Gartenboden speichert Kohlenstoff und Wasser gleichermaßen, dazu mehr unter Naturgarten.

Häufige Fragen

Speichert ein alter oder ein junger Wald mehr CO2?

Ein junger, wachsender Bestand nimmt pro Jahr mehr auf, ein alter Bestand hat mehr gespeichert. Für das Klima zählt beides unterschiedlich: Die jährliche Aufnahme ist der Fluss, der Vorrat ist der Bestand. Einen alten Wald zu roden setzt sofort frei, was Jahrhunderte gebraucht hat.

Ist Holz verbrennen klimaneutral?

Nur über sehr lange Zeiträume und nur, wenn tatsächlich nachwächst, was verbrannt wurde. Beim Verbrennen entsteht die Emission sofort, die Wiederaufnahme dauert Jahrzehnte. In der Zwischenzeit wirkt das CO2. Für Rest- und Altholz sieht die Rechnung deutlich besser aus als für frisches Stammholz.

Bringt Aufforsten etwas?

Ja, aber weniger und langsamer als oft dargestellt. Es braucht geeignete Flächen, die nicht schon Ökosystem oder Acker sind, standortgerechte Arten und Jahrzehnte Zeit. Pflanzungen auf Grasland oder Mooren können die Bilanz sogar verschlechtern.

Soll ich CO2-Kompensation kaufen?

Als Ergänzung zu tatsächlicher Reduktion und mit realistischer Erwartung. Ein Zertifikat macht einen Flug nicht ungeschehen, es finanziert ein Projekt mit unsicherem Ergebnis. Wer kompensiert, sollte Projekte mit dauerhafter, überprüfbarer Wirkung wählen und den Betrag nicht als Freibrief verbuchen.

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