Klima und Natur
Meere und Fischbestände
Der Zustand der Meere hängt an zwei getrennten Ursachen: der Entnahme durch Fischerei und der Chemie, die das zusätzliche CO2 im Wasser auslöst.
Über den Zustand der Meere wird meist so gesprochen, als gäbe es ein Problem. Es sind zwei, und sie hängen nur lose zusammen. Das erste ist die Entnahme: Fischerei nimmt Biomasse heraus, schneller als sie nachwächst. Das zweite ist Chemie: Das Wasser nimmt CO2 auf und verändert dabei seinen pH-Wert. Selbst wenn morgen niemand mehr fischen würde, liefe die zweite Entwicklung weiter.
Wie es um die Bestände steht
Die Welternährungsorganisation bewertet regelmäßig die kommerziell genutzten Bestände. Grob ein Drittel wird stärker befischt, als es der Nachwuchs erlaubt, etwa die Hälfte liegt an der Grenze, ein kleiner Rest hat Luft. Diese Verteilung hat sich über Jahrzehnte verschlechtert, in einigen Regionen aber auch wieder verbessert.
Der Nordostatlantik und die Nordsee sind dafür ein brauchbares Beispiel. Wo Fangquoten an wissenschaftlichen Empfehlungen ausgerichtet und kontrolliert wurden, haben sich Bestände erholt. Wo Quoten politisch über den Empfehlungen festgesetzt wurden, ist das nicht passiert. Regulierung wirkt, sie muss nur eingehalten werden.
Warum die Fangmethode mehr entscheidet als die Art
- Grundschleppnetze ziehen über den Meeresboden und zerstören Strukturen, die Jahrzehnte brauchen, um sich zu bilden. Der Beifanganteil ist hoch.
- Ringwaden sind bei Schwarmfisch relativ selektiv, solange sie ohne Lockflöße eingesetzt werden. Mit Flößen steigt der Beifang deutlich.
- Langleinen fangen gezielt, holen aber Seevögel und Haie mit, wenn keine Vergrämung eingesetzt wird.
- Reusen, Angeln und Handleinen haben den geringsten Beifang und die geringste Bodenwirkung, liefern aber kleine Mengen.
Auf der Verpackung steht das Fanggebiet meist als FAO-Nummer, das Fanggerät oft nur im Kleingedruckten. Wer die Wahl hat, entscheidet über das Gerät mehr als über den Namen des Fisches.
Aquakultur ist keine Entlastung per se
Etwa die Hälfte des verzehrten Speisefisches stammt heute aus Zucht. Ob das den Druck auf Wildbestände senkt, hängt an der Art. Karpfen, Tilapia oder Muscheln fressen pflanzlich oder filtern, hier entsteht Nahrung. Lachs und Forelle sind Raubfische, deren Futter zu einem Teil aus gefangenem Kleinfisch besteht. Der Anteil ist über die Jahre gesunken, weil pflanzliche Komponenten und Schlachtnebenprodukte zugemischt werden, verschwunden ist er nicht.
Dazu kommen Nährstoff- und Medikamenteneinträge aus Netzgehegen und, in den Tropen, gerodete Mangroven für Garnelenteiche. Geschlossene Kreislaufanlagen an Land vermeiden fast alles davon, verbrauchen dafür Strom. Das verschiebt die Frage in den Energiebereich – siehe Ökostrom.
Versauerung: die stille Hälfte
Von allem CO2, das freigesetzt wird, bleibt nur ein Teil in der Luft. Rund ein Viertel geht ins Meer. Das dämpft die Erwärmung und ist insofern günstig, aber gelöstes CO2 bildet Kohlensäure. Der pH-Wert des Oberflächenwassers ist seit der Industrialisierung um etwa 0,1 Einheiten gefallen. Weil die pH-Skala logarithmisch ist, entspricht das rund 30 Prozent mehr Wasserstoffionen.
Für Organismen, die Kalkschalen aufbauen, wird das teuer. Sie müssen mehr Energie aufwenden, um Kalk auszufällen, und in besonders saurem Wasser lösen sich dünne Schalen wieder an. Betroffen sind Muscheln, Schnecken, Seeigel, Kaltwasserkorallen und Flügelschnecken, die im Nordpazifik ein wichtiges Glied der Nahrungskette bilden. Die Chemie dahinter ist dieselbe wie beim Treibhauseffekt, nur wirkt sie hier nicht über Temperatur, sondern direkt.
Korallenbleiche
Korallen leben in Symbiose mit einzelligen Algen, die sie mit Nährstoffen versorgen und ihnen die Farbe geben. Steigt die Wassertemperatur über längere Zeit um ein bis zwei Grad über das sommerliche Maximum, stößt die Koralle die Algen ab und wird weiß. Bleichen ist noch kein Tod: Kühlt das Wasser rechtzeitig ab, können die Algen zurückkehren. Halten die Bedingungen an, stirbt das Riff.
Das Great Barrier Reef hat seit 1998 mehrere großflächige Bleichereignisse durchlaufen, zwischenzeitlich in Abständen, die eine Erholung kaum noch zulassen. Wie früh das Thema in der Blogosphäre ankam, zeigt der Archivbeitrag Great Barrier Reef, Korallenriff stirbt aus von 2010. Was damals als Zukunftsszenario formuliert war, ist inzwischen mehrfach eingetreten.
Öl, Plastik und die sichtbaren Unfälle
Nicht alles am Meer ist schleichend. Die Explosion der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko war 2010 wochenlang Thema, auch hier – nachzulesen unter Wie groß ist der Ölteppich im Golf von Mexiko. Solche Ereignisse prägen die Wahrnehmung stärker als jede Bestandsstatistik, obwohl der dauerhafte Schaden aus den unspektakulären Prozessen kommt.
Ähnlich verhält es sich mit Plastik. Der sichtbare Müll an Stränden ist der kleinere Teil des Problems, der größere sind Mikropartikel aus Reifenabrieb, Textilfasern und zerfallenden Verpackungen. Wo im Haushalt der Eintrag tatsächlich entsteht, steht unter Müll vermeiden, der Anteil aus der Waschmaschine unter Nachhaltige Stoffe.
Häufige Fragen
Ist Fisch essen grundsätzlich problematisch?
Nein, aber die Unterschiede zwischen Arten, Fanggebieten und Fangmethoden sind größer als der Unterschied zwischen Fisch und kein Fisch. Ein Bestand aus geregelter Fischerei mit selektivem Fanggerät ist etwas anderes als eine Art am Ende einer langen Nahrungskette aus einem unkontrollierten Gebiet.
Was ist Beifang genau?
Alles, was mitgefangen wird, ohne Ziel des Fangs zu sein: untermaßige Fische, andere Arten, Meeressäuger, Schildkröten, Seevögel. Ein erheblicher Teil davon geht tot wieder über Bord. Wie viel Beifang anfällt, hängt fast ausschließlich vom Fanggerät ab, nicht von der Zielart.
Ist Zuchtfisch die bessere Wahl?
Bei pflanzenfressenden Arten wie Karpfen oder Tilapia meist ja. Bei Raubfischen wie Lachs kommt ein Teil des Futters weiterhin aus Wildfang, dazu kommen Medikamenteneinsatz und Nährstoffeinträge in Netzgehegen. Geschlossene Kreislaufanlagen lösen das, brauchen aber viel Energie.
Hilft Versauerung nicht den Algen?
Einigen Algen und Seegräsern nützt mehr gelöstes CO2 tatsächlich. Verlierer sind Organismen, die Kalkschalen bilden – Korallen, Muscheln, Schnecken und Teile des Planktons. Weil diese am Anfang der Nahrungskette stehen, wiegt der Verlust schwerer als der Gewinn.
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