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Klima und Natur

Artenvielfalt in Deutschland

Der Rückgang findet nicht im Regenwald statt, sondern auf der Fläche vor der Haustür. Die Ursachen sind bekannt und gut vermessen.

Der Verlust an Artenvielfalt in Deutschland ist besser dokumentiert als fast alles andere im Umweltbereich, weil hier seit Jahrzehnten ehrenamtlich gezählt und bestimmt wird. Das Ergebnis ist unbequem und eindeutig: Rund ein Drittel der bewerteten Arten steht auf einer Roten Liste, bei Wildbienen etwa die Hälfte, und die Trends zeigen bei den meisten Gruppen nach unten. Der Klimawandel ist dabei nicht die Hauptursache, sondern ein Beschleuniger.

Was die Roten Listen aussagen und was nicht

Rote Listen sind Fachgutachten, keine Gesetze. Sie ordnen Arten nach Bestandsgröße, langfristigem und kurzfristigem Trend sowie Risikofaktoren ein. Die Kategorien reichen von der Vorwarnliste über gefährdet und stark gefährdet bis zu ausgestorben oder verschollen.

Zwei Dinge werden dabei oft missverstanden. Erstens sagt der Status nichts über den rechtlichen Schutz einer Art. Zweitens ist eine unveränderte Einstufung keine Entwarnung: Eine Art bleibt auch dann in derselben Kategorie, wenn ihr Bestand weiter schrumpft, solange sie die nächste Schwelle nicht erreicht.

Aussagekräftig ist der Vergleich über mehrere Auflagen hinweg. Dabei fällt auf, dass es Gewinner gibt: Wanderfalke, Biber, Kranich und einige Greifvögel haben sich deutlich erholt, weil gezielte Schutzmaßnahmen und der Verzicht auf bestimmte Pestizide gewirkt haben. Naturschutz funktioniert, wo er ansetzt.

Die Gewinner haben allerdings eines gemeinsam: Es sind große, auffällige Arten, für die sich Schutzprogramme organisieren ließen. Der Rückgang findet dagegen überwiegend bei unauffälligen Arten statt, bei Wildbienen, Laufkäfern, Wanzen, Flechten und Ackerwildkräutern. Sie haben keine Lobby, aber sie tragen den größten Teil der ökologischen Arbeit, weil sie bestäuben, zersetzen und Nahrungsgrundlage sind. Wer nur auf die Wirbeltiere schaut, sieht deshalb ein zu freundliches Bild.

Der Insektenrückgang

Die viel zitierte Krefelder Untersuchung hat über 27 Jahre in deutschen Schutzgebieten Fluginsekten mit standardisierten Fallen gefangen und gewogen. Der Rückgang der Biomasse lag bei über 75 Prozent, im Hochsommer noch höher.

Die Zahl hat Grenzen: Sie misst Gewicht, nicht Artenzahlen, und stammt von einer überschaubaren Zahl von Standorten. Genau das macht sie aber auch aussagekräftig in eine andere Richtung – gemessen wurde in Schutzgebieten, also dort, wo die Bedingungen vergleichsweise gut sind. Spätere Untersuchungen in anderen Ländern kommen zu ähnlichen Größenordnungen, teils schwächer, teils stärker.

Warum das über die Insekten hinausgeht

Insekten bestäuben, zersetzen und stehen am Anfang vieler Nahrungsketten. Der Bestandsrückgang bei Feldvögeln folgt der Insektenkurve mit Verzögerung, weil fast alle Singvögel ihre Jungen mit Insekten füttern, auch die, die als adulte Tiere Körner fressen. Ein Rückgang an der Basis schlägt nach oben durch, ohne dass die betroffenen Arten selbst bedroht sein müssten.

Die vier Ursachen, nach Gewicht sortiert

  1. Landnutzung. Etwa die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Große Schläge, wenige Kulturen, frühe und häufige Mahd, entwässerte Senken und verschwundene Randstrukturen nehmen Lebensraum weg, bevor irgendein Mittel ausgebracht wird.
  2. Nährstoffeintrag. Stickstoff aus Düngung und Verbrennung düngt auch Flächen, die niemand düngen wollte. Magerrasen und Heiden verlieren dadurch ihre Spezialisten, weil wenige schnellwüchsige Arten alles überwachsen.
  3. Pestizide. Insektizide wirken direkt, Herbizide indirekt, indem sie die Wildkräuter entfernen, von denen Insekten leben.
  4. Flächenverbrauch. Weiterhin werden in Deutschland um die 50 Hektar pro Tag neu für Siedlung und Verkehr beansprucht. Das politische Ziel liegt seit Jahren darunter, erreicht wurde es nicht.

Der Klimawandel kommt als fünfter Faktor hinzu und verschiebt Verbreitungsgebiete nach Norden und in die Höhe. Arten, die ohnehin nur noch in isolierten Resten vorkommen, können nicht mitwandern, weil zwischen den Resten nichts liegt, was sich durchqueren ließe. Wie stark die Trockenjahre wirken, zeigt sich am deutlichsten am Wald – siehe Wälder und CO2.

Was im eigenen Garten tatsächlich zählt

Ein Garten ändert die Bundesstatistik nicht. Für die Arten in seinem Umkreis ändert er sehr wohl etwas, weil viele Wildbienen einen Flugradius von wenigen hundert Metern haben. Was innerhalb dieses Radius blüht und nistet, entscheidet darüber, ob sie überhaupt vorkommen.

Wirksam ist dabei weniger, was man pflanzt, als was man unterlässt: später mähen, Totholz und offene Bodenstellen stehen lassen, auf Torf und Mittel verzichten, im Herbst nicht alles abräumen. Konkret wird das unter Naturgarten und speziell für die Nistplätze unter Wildbienen. Was viele Insektenhotels aus dem Handel falsch machen, steht ebenfalls dort.

Der zweite Hebel liegt beim Einkauf, weil die Landwirtschaft über die Hälfte der Fläche bestimmt. Der dritte, weniger offensichtliche, liegt im Verbrauch von Material und Energie, weil Rohstoffabbau und Infrastruktur Fläche binden. Wo dabei die relevanten Mengen liegen, steht unter CO2-Fußabdruck berechnen.

Häufige Fragen

Was bedeutet es, wenn eine Art auf der Roten Liste steht?

Die Rote Liste ist keine Schutzverordnung, sondern eine fachliche Einstufung des Gefährdungsgrads. Sie reicht von Vorwarnliste über stark gefährdet bis ausgestorben. Sie sagt etwas über den Trend und die Bestandsgröße aus, nicht darüber, ob ein Vorkommen rechtlich geschützt ist.

Ist der Insektenrückgang wirklich belegt?

Der Trend ja, die exakte Zahl ist unsicherer, als sie oft zitiert wird. Die Krefelder Daten stammen von einer begrenzten Zahl von Standorten und messen Biomasse, nicht Artenzahlen. Mehrere unabhängige Untersuchungen in Europa zeigen aber in dieselbe Richtung, deshalb gilt der Rückgang als gesichert.

Warum ist Flächenverbrauch so entscheidend?

Weil versiegelte Fläche für Jahrzehnte aus dem Kreislauf fällt. Anders als Düngung oder Pestizideinsatz lässt sie sich nicht mit einer Entscheidung zurücknehmen. Dazu kommt die Zerschneidung: Auch unversiegelte Flächen verlieren ihren Wert, wenn Straßen sie in kleine Reste teilen.

Bringt ein einzelner Garten überhaupt etwas?

Für die Bilanz Deutschlands nicht, für die Arten vor Ort schon. Gärten und Balkone summieren sich auf eine Fläche in der Größenordnung der Naturschutzgebiete, und viele Wildbienen haben einen Flugradius von wenigen hundert Metern. Was in diesem Radius blüht und nistet, entscheidet über das Vorkommen.

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