Zum Inhalt springen
neidgrün

Naturtainment

Albert Schweitzer und die Ehrfurcht vor dem Leben

Ein Kinofilm brachte 2009 einen Elsässer Arzt zurück ins Gespräch, dessen zentraler Satz lange vor der Umweltbewegung formuliert wurde.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 14. Dezember 2009 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und um den heutigen Stand ergänzt.

Im Dezember 2009 lief ein Spielfilm über Albert Schweitzer in den deutschen Kinos an, eine deutsch-südafrikanische Produktion, die eine späte Episode seines Lebens erzählt. Der Anlass ist damit verjährt, die Person nicht. Schweitzer hat einen Satz hinterlassen, der lange vor der Umweltbewegung formuliert wurde und trotzdem ziemlich genau beschreibt, worum es in ihr geht.

Wer Albert Schweitzer war

Geboren 1875 im Elsass, war Schweitzer erst Theologe und Organist, promovierte über Bach und über die Leben-Jesu-Forschung, und studierte dann mit über dreißig Jahren noch Medizin. 1913 ging er mit seiner Frau Helene nach Lambaréné im damaligen Französisch-Äquatorialafrika und baute dort ein Hospital auf, das er mit Unterbrechungen bis zu seinem Tod 1965 leitete. Finanziert hat er es zu großen Teilen selbst, über Orgelkonzerte und Vortragsreisen in Europa.

1953 bekam er den Friedensnobelpreis zugesprochen, rückwirkend für das Jahr 1952. Ab 1957 nutzte er die dadurch gewonnene Aufmerksamkeit für etwas anderes: Er warb in Rundfunkansprachen für ein Ende der Atomwaffentests, zu einer Zeit, als das politisch alles andere als bequem war. Die Frage nach der Kernenergie hat die deutsche Umweltdebatte danach noch Jahrzehnte beschäftigt, bis zur Petition nach Fukushima und zum Ausstieg.

Ehrfurcht vor dem Leben

Die Formel entstand 1915 auf einer Flussfahrt auf dem Ogooué. Schweitzer suchte nach einem Grundsatz, aus dem sich Ethik ableiten lässt, ohne Rückgriff auf eine bestimmte Religion. Er fand ihn in einer Beobachtung: Jedes Lebewesen will leben. Daraus folgt für ihn die Pflicht, Leben zu erhalten und zu fördern und es nur dann zu schädigen, wenn es unumgänglich ist – und diese Notwendigkeit jedes Mal zu begründen, statt sie vorauszusetzen.

Das Bemerkenswerte daran ist der Zuschnitt. Ethik endet in dieser Denkfigur nicht an der Artgrenze. Tiere, Pflanzen, ganze Lebensgemeinschaften stehen nicht außerhalb der moralischen Rechnung, sondern darin. Genau diese Erweiterung hat die spätere Umweltethik beschäftigt, von der Tierrechtsdebatte bis zur Frage, ob ein Ökosystem einen Eigenwert hat oder nur einen Nutzwert für uns.

Was daran heute noch trägt

Schweitzer war kein Ökologe. Er hat nicht über Stoffkreisläufe geschrieben, nicht über Artenverlust, nicht über Emissionen. Seine Sprache ist die des frühen 20. Jahrhunderts, und sein Wirken in Afrika wird heute auch kritisch gelesen, mit Blick auf ein paternalistisches Verhältnis zu den Menschen, für die er da war. Beides gehört zum Bild.

Was bleibt, ist die Umkehr der Beweislast. Nicht der Schutz braucht die Begründung, sondern der Eingriff. Diese Haltung steckt in ziemlich vielen praktischen Fragen: ob ein Garten kurz geschoren oder als Lebensraum angelegt wird, was für Fleisch, Fisch und Eier in den Einkaufswagen kommt, wie viel Fläche eine Ernährungsweise beansprucht. Die Zusammenhänge dahinter ordnen wir in der Rubrik Klima und Natur verstehen ein.

Weitere Filme, Videos und Kampagnen aus dem alten Blog stehen unter Naturtainment, der Gesamtbestand im Archiv.

Zuletzt aktualisiert am .