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Stirbt das Great Barrier Reef?

Die Schlagzeile war 2010 verfrüht und in der Sache nicht falsch. Die entscheidenden Ereignisse kamen erst sechs Jahre später.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 28. März 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und ergänzt, wie die Sache ausgegangen ist.

Der ursprüngliche Beitrag griff eine Boulevardschlagzeile auf: Das größte Korallenriff der Welt stirbt. Dazu ein paar Unterwasserbilder, Anemonenfische, Riesenmuscheln, Seesterne. Aus heutiger Sicht ist die Schlagzeile ein gutes Beispiel dafür, wie eine Zuspitzung gleichzeitig verfrüht und in der Richtung zutreffend sein kann.

Was 2010 der Stand war

Das Riff hatte zu diesem Zeitpunkt zwei großflächige Bleichen hinter sich, 1998 und 2002. Beide fielen in starke El-Niño-Jahre, beide wurden als Ausnahme gelesen. Dazwischen erholten sich die betroffenen Bereiche über einige Jahre weitgehend, was die Deutung stützte, so etwas komme eben gelegentlich vor.

Die tagesaktuelle Diskussion drehte sich 2010 stärker um lokale Ursachen: Sedimente und Dünger aus der Landwirtschaft an der Küste von Queensland, Zyklone, Dornenkronenseesterne, Schifffahrt. Der Klimabezug war bekannt, aber er stand nicht im Zentrum.

Das Riff selbst ist dabei kein einzelnes Objekt, sondern ein System aus rund 3.000 Einzelriffen über eine Länge von etwa 2.300 Kilometern, verteilt auf gut 344.000 Quadratkilometer. Schon deshalb ist jede Aussage über den Zustand des Riffs eine Mittelung über sehr unterschiedliche Abschnitte.

Was seitdem passiert ist

Die Ausnahme wurde zur Regel. 2016 traf eine Hitzewelle den nördlichen, bislang am wenigsten geschädigten Abschnitt und ließ dort einen erheblichen Teil der Flachwasserkorallen absterben. 2017 folgte gleich der nächste Sommer, diesmal im mittleren Abschnitt, ohne dass sich die Bestände hätten erholen können. Weitere Ereignisse folgten 2020, 2022, 2024 und 2025.

Zwei Details daran sind wichtiger als die Zahl der Ereignisse.

Erstens: 2022 bleichte das Riff erstmals in einem La-Niña-Jahr, also unter Bedingungen, die früher als kühlende Phase galten. Damit fiel ein Sicherheitsnetz weg.

Zweitens: Der zeitliche Abstand ist entscheidender als die Einzelschwere. Schnell wachsende Korallen brauchen etwa zehn Jahre, um eine Fläche wieder zu bedecken, langsam wachsende deutlich länger. Wenn alle zwei bis vier Jahre eine Bleiche kommt, sinkt der Ausgangswert bei jedem Durchgang.

Genau das zeigen die australischen Langzeiterhebungen. Nach einer zwischenzeitlichen Erholung in ruhigen Jahren, die 2024 in Teilen sogar Rekordwerte bei der Korallenbedeckung ergab, folgte 2025 der stärkste gemessene Jahresrückgang seit Beginn der Messreihen. Beides gehört zusammen: Das Riff kann sich erholen, es bekommt dafür nur immer seltener genug Zeit.

Wie es einzuordnen ist

Die UNESCO hat wiederholt geprüft, ob das Riff als gefährdetes Welterbe eingestuft werden muss, Australien hat das jedes Mal abgewendet, unter anderem mit milliardenschweren Programmen gegen Nährstoffeinträge und Dornenkronenseesterne. Diese Maßnahmen sind sinnvoll und wirken auf lokaler Ebene. Sie ändern nichts an der Wassertemperatur.

Damit steht das Riff exemplarisch für eine Kategorie von Umweltproblemen, bei denen lokales Management notwendig, aber nicht hinreichend ist. Der Vorgang hängt an derselben Kette wie alle anderen Meeresthemen, von Versauerung bis Bestandsverschiebung, siehe Meere und Fischbestände. Warum die Ozeane den größten Teil der zusätzlichen Wärme aufnehmen und was das physikalisch bedeutet, steht unter Treibhauseffekt erklärt.

Was von der Schlagzeile bleibt

„Stirbt aus“ war 2010 falsch und ist es heute noch, weil es einen Endzustand behauptet, den niemand belegen kann. Richtig war die Richtung. Wer 2010 die Meldung als Panikmache abtat, lag schlechter als wer sie für übertrieben, aber im Kern zutreffend hielt.

Wie damals über Umweltthemen berichtet wurde, mit Boulevardschlagzeilen und Bildergalerien, steht im Archiv.

Häufige Fragen

Ist das Great Barrier Reef tot?

Nein, und diese Zuspitzung schadet der Sache. Das Riff ist rund 344.000 Quadratkilometer groß und in Zustand und Schädigung sehr ungleich verteilt. Was gesichert ist, sind wiederholte großflächige Verluste und eine Erholung, die immer öfter vom nächsten Hitzesommer unterbrochen wird.

Was passiert bei einer Korallenbleiche genau?

Korallen leben in Symbiose mit einzelligen Algen, die ihnen einen Großteil ihrer Nahrung liefern und ihnen die Farbe geben. Bei anhaltendem Wärmestress stoßen sie diese Algen ab und werden weiß. Kehrt die Temperatur schnell genug zurück, kann sich die Koralle erholen, sonst verhungert sie.

Gibt es außer der Wärme noch andere Ursachen?

Ja. Nährstoff- und Sedimenteinträge aus der Landwirtschaft, Zyklone und die Massenvermehrung des Dornenkronenseesterns setzen dem Riff zusätzlich zu. Australien hat gegen diese lokalen Faktoren viel unternommen. Sie erklären aber nicht die synchronen Bleichen über Hunderte Kilometer, dafür bleibt die Wassertemperatur der Treiber.

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