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Der Ruderfußkrebs, stärkstes Tier der Welt?
Die Meldung von 2010 stimmt, wenn man sie richtig liest. Entscheidend ist die Leistung je Kilogramm Muskel, nicht die absolute Kraft.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 16. Mai 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und ergänzt, wie die Sache ausgegangen ist.
Die Meldung von 2010 klang nach Boulevard und war trotzdem korrekt: Ein Tier von einem Millimeter Länge sei das stärkste und schnellste der Welt, mindestens zehnmal stärker als jedes andere. Dahinter standen Hochgeschwindigkeitsaufnahmen aus einem dänischen Forschungsinstitut. Der Haken liegt, wie so oft, in der Bezugsgröße.
Was tatsächlich gemessen wurde
Ruderfußkrebse, fachlich Copepoden, haben zwei Fortbewegungsarten. Zum Schwimmen und Fressen nutzen sie ihre Mundwerkzeuge und erzeugen einen feinen Wasserstrom. Droht Gefahr, schalten sie um: Die Schwimmbeine schlagen in schneller Folge nach hinten, und das Tier schießt davon.
Die Aufnahmen zeigten, dass dieser Fluchtsprung innerhalb weniger Tausendstel Sekunden Geschwindigkeiten um einen halben Meter pro Sekunde erreicht. Rechnet man das auf die eingesetzte Muskelmasse um, ergibt sich eine Leistung, die alle bis dahin dokumentierten Werte bei Tieren um mehr als das Zehnfache übertraf und auch über dem lag, was technische Motoren dieser Größe leisten.
Zwei Einordnungen gehören dazu. Erstens: Absolut ist ein halber Meter pro Sekunde nichts. Die Aussage lebt vom Bezug auf Körpergröße und Muskelmasse. Zweitens: Es gibt schnellere Bewegungen im Tierreich, etwa den Schlag des Fangschreckenkrebses oder das Zuschnappen bestimmter Ameisenkiefer. Diese arbeiten aber mit einem Federmechanismus, der Energie vorher speichert und schlagartig freigibt. Der Copepode macht es mit purer Muskelkraft. Genau das war der eigentliche Befund.
Warum diese Tiere zählen
Copepoden gehören zu den individuenreichsten mehrzelligen Tiergruppen überhaupt. Sie fressen Algen und werden ihrerseits von Fischlarven, Heringen, Sprotten und Walhaien gefressen. Sie sind damit das Scharnier zwischen der pflanzlichen Produktion des Meeres und allem, was darüber liegt.
Der Fluchtsprung ist in diesem Zusammenhang keine Kuriosität, sondern der Grund, warum überhaupt genug von ihnen übrig bleibt. Fischlarven jagen im Nahfeld, und der Sprung findet in dem winzigen Zeitfenster statt, in dem eine Druckwelle den Angriff ankündigt.
Wie es seit 2010 weitergeht
Der interessantere Teil der Geschichte spielt heute in der Ökologie, nicht in der Rekordliste.
Verschiebung nach Norden. In der Nordsee ist die große, fettreiche Art, an die Kabeljau- und Sandaallarven angepasst sind, seit Jahrzehnten auf dem Rückzug und wird durch eine kleinere, fettärmere Art aus dem Süden ersetzt. Das verändert nicht die Menge an Nahrung, wohl aber ihren Nährwert und ihren Zeitpunkt. Als eine der Erklärungen für die schleppende Erholung des Nordseekabeljaus wird genau das diskutiert, siehe Meere und Fischbestände.
Kohlenstofftransport. Arten des Nordatlantiks fressen sich im Frühjahr Fettreserven an und überwintern in mehreren hundert Metern Tiefe. Ein Teil dieses Kohlenstoffs wird dort veratmet und bleibt damit für lange Zeit unter der Deckschicht. Diese Fettpumpe wurde erst nach 2010 quantifiziert und erreicht im Nordatlantik eine Größenordnung, die dem klassischen Absinken von Partikeln vergleichbar ist. Wie solche Kreisläufe in die Klimabilanz eingehen, steht in der Rubrik Klima und Natur verstehen.
Befischung. Norwegen hat inzwischen eine kommerzielle Fischerei auf Copepoden zugelassen, für Öle und Nahrungsergänzung. Die Quoten sind gemessen an der Biomasse klein, die Debatte darüber, ob man am Fundament der Nahrungskette ansetzen sollte, ist es nicht.
Was bleibt
Die Schlagzeile von 2010 war ein guter Aufhänger für ein Tier, das kaum jemand kennt und das trotzdem einen erheblichen Teil dessen trägt, was aus dem Meer kommt. Wie damals über solche Meldungen geschrieben wurde, steht im Archiv.
Häufige Fragen
Ist der Ruderfußkrebs wirklich das stärkste Tier der Welt?
Bezogen auf die Leistung je Kilogramm Muskelmasse ja, und dieser Vergleich ist der interessante. Absolut betrachtet hebt ein Elefant offensichtlich mehr. Bemerkenswert war 2010, dass der Krebs diese Leistung direkt mit Muskeln erbringt, ohne einen Federmechanismus, der Energie vorher speichert.
Und das schnellste?
In Körperlängen pro Sekunde gemessen liegt er weit vorn, deutlich vor Gepard oder Wanderfalke. In absoluter Geschwindigkeit ist ein halber Meter pro Sekunde wenig. Beide Aussagen stimmen, sie messen nur Verschiedenes.
Warum sind Copepoden für die Fischerei wichtig?
Weil Fischlarven auf sie angewiesen sind. Wenn im Frühjahr die passende Art in der passenden Größe zur passenden Zeit fehlt, verhungert ein Jahrgang, unabhängig davon, wie viele Eier gelegt wurden. Beim Nordseekabeljau gilt genau diese Verschiebung als eine der Erklärungen für die ausbleibende Erholung.
Was hat der Krebs mit dem Klima zu tun?
Er ist Teil der biologischen Kohlenstoffpumpe. Manche Arten fressen sich im Frühjahr Fettreserven an, überwintern in mehreren hundert Metern Tiefe und veratmen dort einen Teil davon. Der Kohlenstoff bleibt damit für lange Zeit unter der Deckschicht. Diese Fettpumpe erreicht im Nordatlantik eine Größenordnung, die dem absinkenden Material vergleichbar ist.
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