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Naturtainment

Nacktkiemer – Schnecken ohne Haus, dafür mit Chemie

Sie sehen aus wie ein Fehler im Farbdrucker und sind eine der bestuntersuchten Gruppen im Riff. Was hinter den Mustern steckt.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 2. Juni 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und um den heutigen Stand ergänzt.

Nacktkiemer, auf Englisch Nudibranchia, sind Meeresschnecken, die im Lauf der Evolution ihr Gehäuse aufgegeben haben. Was bei anderen Schnecken der Panzer erledigt, übernehmen bei ihnen Chemie und Farbe. Genau das macht sie zu einem der dankbarsten Motive unter Wasser – und zu einem interessanten Fall für alle, die sich fragen, wie ein Riff eigentlich funktioniert.

Warum sie so aussehen

Rund 3.000 Arten sind beschrieben, von wenigen Millimetern bis zur Spanischen Tänzerin, die über einen halben Meter lang werden kann. Fast alle sind auffällig gefärbt, und das ist kein Zufall, sondern die günstigste Variante der Verteidigung: Wer keine Schale hat, muss ungenießbar sein und das auch mitteilen.

Die Gifte dahinter stammen häufig aus der Nahrung. Viele Nacktkiemer sind hochspezialisierte Fresser, die eine einzige Schwammart, eine Hydrozoenkolonie oder ein bestimmtes Manteltier abweiden. Die chemischen Abwehrstoffe dieser Beute bauen sie nicht ab, sondern lagern sie in der Haut ein. Ein Räuber, der es einmal probiert hat, merkt sich das Muster. Die Warnfarbe funktioniert nur, weil sie ehrlich ist.

Geklaute Waffen

Am eindrucksvollsten ist der Trick der Fadenschnecken. Sie fressen Nesseltiere – Hydrozoen, Feuerkorallen, gelegentlich sogar Portugiesische Galeeren – und nehmen deren Nesselkapseln unverdaut auf. Über den Darm wandern die Kapseln in die fingerförmigen Rückenanhänge, die Cerata, und werden dort in kleinen Säcken so eingelagert, dass sie funktionsfähig bleiben. Berührt ein Angreifer die Schnecke, feuern fremde Nesselzellen für sie.

Damit das gelingt, muss die Schnecke die Kapseln beim Fressen daran hindern, auszulösen. Wie genau das gesteuert wird, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Beteiligt sind offenbar Schleimschichten und eine besonders schnelle Passage durch den Verdauungstrakt.

Was sie im Riff bewirken

Nacktkiemer sind keine Randerscheinung, sondern Weidegänger. Sie halten Schwämme, Moostierchen und Hydrozoen in Schach, die sonst freie Flächen überwachsen und junge Korallen verdrängen würden. Weil viele Arten extrem wählerisch sind, hängt ihr Vorkommen unmittelbar am Vorkommen einer bestimmten Beute – und das macht sie zu brauchbaren Anzeigern für den Zustand eines Riffs. Verschwindet die Beute, verschwindet die Schnecke, oft bevor auffällt, dass sich das System verschoben hat.

Unter Druck stehen Riffe vor allem durch Erwärmung und die daraus folgende Korallenbleiche, dazu durch die Versauerung des Wassers: Ein Teil des zusätzlichen Kohlendioxids löst sich im Meer und senkt den pH-Wert, was allen kalkbildenden Organismen zu schaffen macht. Diese Zusammenhänge stehen unter Meere und Fischbestände und, für die physikalische Seite, unter Treibhauseffekt erklärt.

Dazu kommt der lokale Eintrag: Nährstoffe aus Landwirtschaft und Abwasser, Sedimente aus Bauarbeiten, Plastik in allen Größen. Der letzte Punkt lässt sich am eigenen Einkauf ablesen, siehe Verpackung im Alltag.

Ein Nachtrag zur Beobachtung

Was Aufnahmen wie die von 2010 geleistet haben, ist nüchtern betrachtet ziemlich viel: Sie haben Tiere sichtbar gemacht, die man mit bloßem Auge in der Strömung übersieht. Ein guter Teil der Artenkenntnis in dieser Gruppe stammt inzwischen von Tauchern, die Fundmeldungen samt Foto in offene Datenbanken einspeisen. Beschrieben werden jedes Jahr weiterhin neue Arten.

Weitere Naturaufnahmen aus dem alten Blog stehen unter Naturtainment, der Gesamtbestand im Archiv.

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