Naturtainment
Die Japanische Riesenkrabbe und ihre Häutung
Bis zu 3,7 Meter Beinspannweite, ein Panzer, der nicht mitwächst. Wachsen heißt für dieses Tier, sich regelmäßig komplett wehrlos zu machen.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 24. Juni 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und um den heutigen Stand ergänzt.
Die Japanische Riesenkrabbe, wissenschaftlich Macrocheira kaempferi und auf Deutsch auch Riesenseespinne genannt, ist der größte Gliederfüßer der Welt. Von Scherenspitze zu Scherenspitze erreichen alte Männchen bis zu 3,7 Meter. Der Körper selbst bleibt dabei überschaubar, gut 40 Zentimeter Panzerbreite; die Ausmaße stecken in den Beinen. Alles daran hängt an einem Vorgang, der aussieht wie eine Panne und tatsächlich das Wachstum selbst ist.
Ein Panzer, der nicht mitwächst
Krebstiere tragen ihr Skelett außen. Dieses Exoskelett ist stabil, aber starr, es kann nicht mitwachsen. Wachsen heißt für die Krabbe deshalb: den alten Panzer verlassen. Der Vorgang heißt Häutung, fachlich Ecdysis.
Vorbereitet wird er lange im Voraus. Unter dem alten Panzer bildet sich bereits eine neue, noch weiche Hülle, und ein Teil des Kalks aus dem alten Panzer wird zurückgewonnen. Dann nimmt das Tier Wasser auf, quillt auf, der alte Panzer reißt an einer vorgegebenen Naht am Hinterrand des Rückenschilds. Danach beginnt der mühsame Teil: Die Krabbe zieht ihre Beine aus den alten Beinhüllen heraus, jedes einzelne, samt Gelenken und Scherenmuskulatur. Ein zwei Meter langes Bein muss dabei durch einen engen Gelenkabschnitt.
Anschließend pumpt sich das Tier mit Wasser auf, damit der neue Panzer in der größeren Form aushärtet. Erst danach wird das Wasser nach und nach durch Gewebe ersetzt. Deshalb ist eine frisch gehäutete Krabbe deutlich größer als vorher – der Größensprung passiert in Minuten, nicht über Monate.
Warum das der heikelste Moment ist
In dieser Phase ist praktisch alles gegen das Tier. Der neue Panzer bleibt stundenlang weich, teils über einen Tag, und bietet keinen Schutz. Die Muskulatur hat vorübergehend keinen festen Ansatz und arbeitet schlecht. Fliehen ist kaum möglich. Kommt in dieser Zeit ein Kraken oder ein größerer Fisch vorbei, endet die Häutung tödlich.
Dazu kommt das mechanische Risiko: Bleibt ein Bein in der alten Hülle stecken, wird es abgeworfen. Junge Tiere können solche Beine über die nächsten Häutungen nachbilden, wobei das neue Bein zunächst kürzer bleibt. Alte Tiere häuten sich seltener oder gar nicht mehr – bei ihnen ist ein verlorenes Bein endgültig weg. Deshalb tragen große Exemplare oft sichtbare Lücken und asymmetrische Scheren.
Zur Tarnung besetzen viele Riesenkrabben ihren Panzer mit Schwämmen und anderen Aufwuchsorganismen. Auch dieser Bewuchs geht bei der Häutung verloren und muss neu angelegt werden.
Fang und Bestand
Gefangen wird die Art in Japan traditionell mit Schleppnetzen in der Sagami- und der Suruga-Bucht. Die Fänge sind seit Jahrzehnten rückläufig, weshalb es Schonzeiten während der Laichperiode im Frühjahr gibt. Tiefseearten sind für Befischung besonders empfindlich: Sie wachsen langsam, werden spät geschlechtsreif und leben lange, bei dieser Krabbe schätzungsweise mehrere Jahrzehnte. Was für einen kurzlebigen Schwarmfisch eine Erholungsphase von wenigen Jahren ist, dauert hier eine Generation. Der allgemeine Zusammenhang steht unter Meere und Fischbestände.
Hinzu kommt ein Problem, das alle Kalkbildner betrifft: Ein Teil des zusätzlichen Kohlendioxids löst sich im Meerwasser und senkt dessen pH-Wert. Für Tiere, die ihren Panzer regelmäßig komplett neu aufbauen müssen, ist das keine Nebensache. Die physikalische Grundlage steht unter Treibhauseffekt erklärt, die Einordnung unter Klima und Natur verstehen.
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