Naturtainment
Was Zoos bei der Erhaltungszucht leisten
Zwischen Freizeitpark und Arche liegt ein schmaler Streifen, auf dem tatsächlich Artenschutz stattfindet. Wie breit er ist, lässt sich beziffern.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 13. August 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und um den heutigen Stand ergänzt.
Zoowerbung arbeitet fast immer mit Nähe: ein Tier so dicht am Betrachter, dass man den Atem zu sehen glaubt. Das funktioniert, weil es genau das verspricht, was ein Zoobesuch verkauft. Interessanter ist die Frage dahinter, die seit Jahrzehnten strittig ist: Was tragen Zoos zum Artenschutz bei, und was rechtfertigt das?
Die Fälle, die für Zoos sprechen
Es gibt Arten, die es ohne Zoobestände nicht mehr gäbe. Das ist keine Werbeaussage, sondern nachprüfbar:
- Przewalski-Pferd. In freier Wildbahn ausgestorben, der gesamte heutige Bestand geht auf wenige Zoo-Gründertiere zurück. Seit 1992 laufen Wiederansiedlungen in der Mongolei, es gibt wieder frei lebende Herden.
- Wisent. Nach dem Ersten Weltkrieg blieben zwölf Tiere in Menschenhand. Aus ihnen ist ein Bestand von mehreren Tausend geworden, mit frei lebenden Herden in Osteuropa.
- Kalifornischer Kondor. 1987 wurden die letzten 27 Vögel eingefangen. Heute fliegen wieder mehrere Hundert in Freiheit.
- Arabische Oryx. Ebenfalls in der Wildnis ausgestorben, ebenfalls aus Gehegebeständen zurückgeholt.
Dazu kommt Geld: Zoos und Aquarien gehören zusammengerechnet zu den größten Finanziers von Naturschutzprojekten vor Ort, und viele Häuser beteiligen sich an regionalen Wiederansiedlungsprogrammen, in Nordamerika etwa für Schwarzfußiltis oder Vancouver-Murmeltier.
Die Einwände
Die Kritik zielt nicht auf diese Fälle, sondern auf ihren Anteil. Erhaltungszucht ist die Ausnahme, nicht die Regel: Nur ein kleiner Teil der gehaltenen Arten steht überhaupt in einem koordinierten Zuchtprogramm, und nur ein Bruchteil dieser Programme endet mit ausgewilderten Tieren. Der Rest der Anlage ist Publikumsgeschäft.
Drei weitere Punkte kommen dazu. Erstens der Platz: Großraubtiere, Elefanten und Meeressäuger zeigen in Gefangenschaft überdurchschnittlich oft Verhaltensstörungen, weil Gehege niemals die Reviergrößen abbilden können. Zweitens das Bestandsmanagement: Zuchtprogramme erzeugen Überschusstiere, die entweder verhütet oder getötet werden, was regelmäßig zu öffentlichen Konflikten führt. Drittens der Bildungsanspruch, der sich in Untersuchungen als schwer messbar erweist – ein Besuch verändert Wissen und Verhalten weniger stark, als die Häuser es angeben.
Der ehrlichste Einwand ist der grundsätzlichste: Auswilderung scheitert nicht am Nachschub an Tieren, sondern am Lebensraum. Wo kein Habitat mehr steht, hilft auch der beste Zuchtbuchführer nicht weiter. Beim Großen Panda war die Bestandserholung deshalb kein Zuchterfolg, sondern eine Frage geschützter Wälder, siehe Der Große Panda.
Wie sich ein Zoo einordnen lässt
Ein paar Fragen taugen als Prüfraster: Ist das Haus in europäischen oder internationalen Zuchtprogrammen aktiv und für welche Arten? Fließt Geld in Projekte im Herkunftsgebiet, nachvollziehbar im Jahresbericht? Und wie sieht die Artenauswahl aus – Schwerpunkt auf wenigen Arten mit großen Anlagen, oder möglichst viele Publikumslieblinge auf kleinem Raum?
Für die Fragen, die sich vor der eigenen Haustür stellen, gilt derselbe Maßstab wie im Großen: Fläche und Struktur entscheiden. Was das praktisch heißt, steht unter Garten und Natur, die Zusammenhänge zwischen Landnutzung, Klima und Artenverlust unter Klima und Natur verstehen.
Weitere Kampagnen und Fundstücke aus dem alten Blog stehen unter Naturtainment, der Gesamtbestand im Archiv.
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