Zum Inhalt springen
neidgrün

Aktiv werden

Der Müll-Flashmob und die Rechnung dahinter

Eine Straßenaktion gegen weggeworfene Verpackungen. Der Ärger darüber ist das eine, die Kosten und die Frage der Zuständigkeit das andere.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 23. März 2011 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und um den heutigen Stand ergänzt.

Die Aktion war einfach gebaut: Wer in der Fußgängerzone etwas fallen ließ, bekam es unter Beteiligung einer größer werdenden Gruppe wieder zurück. Flashmobs dieser Art haben um 2011 herum in mehreren Ländern funktioniert, weil sie eine soziale Regel sichtbar machten, die sonst unausgesprochen bleibt. Der Punkt dahinter hat sich seither nicht erledigt, nur die Zuständigkeit hat sich verschoben.

Was Littering kostet

Achtlos weggeworfener Abfall ist kein ästhetisches Problem, sondern ein Posten im kommunalen Haushalt. Für Deutschland kursieren Schätzungen von mehreren Hundert Millionen Euro jährlich allein für Straßenreinigung, Parkpflege und die Leerung öffentlicher Papierkörbe, in denen zunehmend Verpackungen aus dem Außer-Haus-Verzehr landen. Bezahlt wurde das lange über Gebühren und Steuern, also von allen, unabhängig davon, wer den Becher fallen ließ.

Seit 2024 gilt in Deutschland eine andere Systematik: Hersteller bestimmter Einwegkunststoffprodukte – Getränkebecher, Fertiggerichtsverpackungen, Tabakprodukte mit Filter, Feuchttücher, Luftballons – zahlen nach Mengen gestaffelt in einen Fonds ein. Aus diesem Fonds bekommen Kommunen Reinigungs- und Entsorgungskosten anteilig erstattet. Das ist eine Umverteilung, keine Vermeidung, aber es verschiebt den Anreiz erstmals an die Stelle, an der über die Verpackung entschieden wird.

Was tatsächlich in der Landschaft liegt

Sammelaktionen protokollieren ihre Funde meist, und die Rangliste ist über Länder hinweg erstaunlich stabil: Zigarettenfilter, Getränkebecher und Deckel, Verpackungsfolien, Flaschen, Dosen, dazu Kaugummi. Zigarettenfilter sind dabei der unterschätzte Posten, weil sie klein sind und nicht wie Plastik aussehen. Sie bestehen aus Celluloseacetat, einem Kunststoff, und geben Nikotin und Schwermetalle ans Wasser ab. Die kursierenden Angaben, wie viele Liter Wasser eine einzige Kippe verunreinigt, gehen weit auseinander und sollten mit Vorsicht behandelt werden – die Richtung ist unstrittig, die Zahl ist es nicht.

Ebenso vorsichtig zu lesen sind die beliebten Zerfallszeiten in Jahren, die auf Plakaten stehen. Sie sind Schätzwerte aus sehr unterschiedlichen Bedingungen; ein Beutel im Meerwasser verhält sich anders als einer im Waldboden.

Was sich dagegen sagen lässt: Wo Pfand draufsteht, liegt wenig herum. Die Rücklaufquote beim Einwegpfand liegt in Deutschland bei rund 98 Prozent, und was einen Wert hat, wird eingesammelt – notfalls von jemand anderem.

Was daraus folgt

Der Flashmob adressierte Verhalten, und Verhalten ist der schwächste Hebel in dieser Kette. Die stärkeren liegen davor:

  • Weniger Einweg im Umlauf. Mehrwegangebote, eigenes Gefäß, Leitungswasser. Was gar nicht erst als Verpackung existiert, kann nicht auf dem Gehweg landen. Der praktische Teil steht unter Verpackung im Alltag.
  • Richtig getrennt statt irgendwo entsorgt. Ein erheblicher Teil dessen, was in der Restmülltonne oder daneben landet, wäre verwertbar. Was wohin gehört und wo die verbreiteten Irrtümer sitzen, steht unter Mülltrennung richtig.
  • Die Systemfrage. Wer die Kosten trägt, entscheidet darüber, wie viel Verpackung überhaupt produziert wird. Der Überblick dazu steht unter Müll vermeiden.

Weitere Aktionen aus dem alten Blog stehen unter Aktiv werden, der Gesamtbestand im Archiv.

Zuletzt aktualisiert am .