Naturgarten
Wildbienen
Die meisten Wildbienen bilden keinen Staat, machen keinen Honig und stechen nicht. Und ein großer Teil von ihnen ist auf wenige Pflanzengattungen festgelegt.
Wenn von Bienen die Rede ist, ist meistens die Honigbiene gemeint, und die ist der Sonderfall. In Deutschland leben rund 600 Wildbienenarten, und die allermeisten davon leben allein: ein Weibchen, ein Nest, keine Arbeiterinnen, kein Staat, kein Honig. Etwa die Hälfte dieser Arten steht auf der Roten Liste.
Was Wildbienen von der Honigbiene unterscheidet
| Merkmal | Honigbiene | Die meisten Wildbienen |
|---|---|---|
| Lebensweise | Volk mit bis zu 50.000 Tieren | einzeln, ein Weibchen versorgt sein Nest allein |
| Lebensdauer erwachsen | Sommerbiene wenige Wochen, Volk überdauert | vier bis sechs Wochen, dann Ende |
| Nachkommen | Königin legt tausende Eier | 20 bis 30 Brutzellen pro Weibchen |
| Vorrat | Honig für den Winter | Pollenpaket für genau eine Larve |
| Nistplatz | vom Menschen gestellte Beute | Boden, Totholz, Stängel, Schneckenhäuser, Mauerfugen |
| Nahrungswahl | breit, was gerade viel bringt | oft auf wenige Pflanzengattungen festgelegt |
| Stich | verteidigt Volk und Vorrat | meist nicht möglich oder nicht spürbar |
| Status | Nutztier, nicht bedroht | rund die Hälfte der Arten gefährdet |
Der Ablauf bei einer solitären Art ist immer derselbe: Das Weibchen schlüpft im Frühjahr, paart sich, sucht einen Nistplatz, legt eine Kammer an, trägt Pollen und Nektar ein, legt ein Ei darauf, verschließt die Kammer und beginnt die nächste. Nach vier bis sechs Wochen ist es tot, ohne je einen Nachkommen gesehen zu haben. Die Brut entwickelt sich über den Sommer, überwintert im Nest und schlüpft im nächsten Jahr.
Spezialisten: warum die Pflanze über die Art entscheidet
Etwa ein Drittel der heimischen Arten ist oligolektisch, also auf Pollen weniger Pflanzengattungen festgelegt. Diese Bienen können anderen Pollen schlicht nicht verwerten, auch wenn sie ihn theoretisch sammeln könnten. Für sie zählt nicht, wie viel blüht, sondern ob genau ihre Pflanze da ist.
- Glockenblumen-Scherenbiene: nur Glockenblumen. Die Männchen übernachten in den Blüten.
- Efeu-Seidenbiene: nur Efeu. Sie fliegt erst im September und Oktober, wenn fast nichts anderes mehr blüht.
- Natternkopf-Mauerbiene: fast ausschließlich Natternkopf.
- Zaunrüben-Sandbiene: nur Zaunrübe, die in vielen Gärten als Unkraut entfernt wird.
- Blutweiderich-Sägehornbiene: nur Blutweiderich, der Feuchtstellen braucht.
Daraus folgt eine unbequeme Konsequenz für die Gartenplanung: Eine bunte Blühmischung nützt vor allem den Generalisten, die ohnehin da sind. Wer Spezialisten fördern will, pflanzt gezielt einzelne Arten und lässt sie über Jahre stehen. Welche das sind und wann sie blühen, steht unter Insektenfreundliche Pflanzen.
Ein zweiter Punkt, der oft untergeht: Die kleineren Arten fliegen nur wenige hundert Meter zwischen Nest und Blüte. Nistplatz und Nahrung müssen also im selben Umkreis liegen. Ein perfektes Insektenhotel drei Straßen von der nächsten Blühfläche entfernt bleibt leer.
Bodennister: die vergessene Mehrheit
Rund drei Viertel der Arten graben ihre Nester in die Erde. Sie brauchen offene, sonnige, unbewachsene Flächen mit lockerem, aber standfestem Substrat: Sandwege, Böschungen, Abbruchkanten, Fugen im Pflaster, magere Steilhänge. Genau diese Strukturen verschwinden zuerst, weil sie im Garten wie eine unfertige Stelle aussehen.
So legst du eine Bodennisthilfe an:
- Eine sonnige Fläche wählen, ab etwa einem halben Quadratmeter, gern an einer nach Süden geneigten Kante.
- Mindestens 30, besser 50 Zentimeter tief ausheben.
- Mit ungewaschenem Sand mit leichtem Lehmanteil füllen und verdichten. Gewaschener Spielsand rutscht nach und die Röhren fallen zusammen.
- Offen halten. Kein Bewuchs, keine Mulchschicht, kein Vlies.
- Nicht gießen, nicht düngen, im Sommer nicht betreten.
Das ist die wirksamste einzelne Maßnahme für Wildbienen und die unspektakulärste. Für die verbleibenden Hohlraumnister gilt das, was unter Nisthilfen und Insektenhotels steht: Hartholz, saubere Bohrungen, markhaltige Stängel, kein Zapfenfach.
Zur vollständigen Rechnung gehören außerdem die Kuckucksbienen. Etwa ein Viertel der Arten baut kein eigenes Nest, sondern legt Eier in die Nester anderer Wildbienen. Sie sind ein Zeichen für einen funktionierenden Bestand, kein Schädling. Wer sie an der Nisthilfe herumsuchen sieht, macht etwas richtig.
Warum mehr Honigbienenvölker nicht helfen
Als 2009 in unserem Blog der Beitrag Bienen, werd Wochenend-Imker erschien, war Imkern als Beitrag zum Insektenschutz noch weitgehend unhinterfragt. Seitdem hat sich die Bewertung verschoben, und das lohnt eine klare Einordnung.
Die Honigbiene ist ein Nutztier. Ihre Bestände hängen an der Zahl der Imker, nicht an der Umweltqualität, und diese Zahl ist in Deutschland seit Jahren gestiegen. Sie ist nicht bedroht. Ein einzelnes Volk sammelt über eine Saison eine Pollenmenge, die rechnerisch mehreren tausend Wildbienen als Larvennahrung fehlt. In Gegenden mit hoher Völkerdichte, insbesondere in Innenstädten mit Dachimkerei, lässt sich diese Konkurrenz messen: Wildbienen finden dort weniger Pollen, sammeln kleinere Vorräte und ziehen weniger Nachkommen groß. Dazu kommt die Übertragung von Krankheiten zwischen den Bienenarten.
Das ist kein Argument gegen Imkerei. Honig ist ein Lebensmittel, Imkerei ist ein Handwerk, und in einer Landschaft mit ausreichend Blühflächen ist beides unproblematisch. Es ist ein Argument gegen die Gleichsetzung von Imkerei mit Naturschutz. Wer Wildbienen helfen will, stellt kein Volk auf, sondern schafft Blühangebot und Nistplätze. Das gilt auch auf kleiner Fläche, siehe Naturnaher Balkon.
Die kurze Liste
Wenn du nur fünf Dinge tust:
- Sandfläche in der Sonne, offen halten.
- Heimische Stauden, ungefüllt, mit Blüten von März bis Oktober.
- Stängel stehen lassen über den Winter, Rückschnitt erst im März.
- Keine Insektizide, auch keine als biologisch verkauften.
- Ein Stück Fläche magern und in Ruhe lassen.
Nichts davon kostet nennenswert Geld, und drei der fünf Punkte bestehen darin, etwas nicht zu tun. Die Gründe dahinter, also warum Insektenbestände über Jahrzehnte zurückgehen und welche Faktoren dabei wie stark wiegen, ordnen wir unter Klima und Natur verstehen ein. Und weil dieselben Flächen auch über Schmetterlinge entscheiden, lohnt der Blick auf die Unterschiede zwischen beiden Gruppen unter Schmetterlinge im Garten.
Häufige Fragen
Stechen Wildbienen?
Kaum. Die meisten Arten sind so klein, dass ihr Stachel die menschliche Haut nicht durchdringt, und viele haben gar keinen funktionsfähigen Stachel. Wildbienen verteidigen kein Volk und keinen Honigvorrat, also fehlt ihnen der Grund zum Angriff. Du kannst dich neben eine gut besuchte Nisthilfe setzen, ohne dass etwas passiert.
Machen Wildbienen Honig?
Nein. Sie legen für jede Larve einen Pollenvorrat an, von dem sich genau ein Nachkomme ernährt. Vorratshaltung über den Winter gibt es nicht, weil die erwachsenen Tiere im Herbst sterben. Nur Hummeln, die auch Wildbienen sind, legen kleine Nektarvorräte für schlechtes Wetter an.
Helfen mehr Bienenvölker den Wildbienen?
Nein, eher das Gegenteil. Ein Honigbienenvolk sammelt an Pollen und Nektar, was mehreren tausend Wildbienen als Nahrung fehlt. In Gegenden mit hoher Völkerdichte lässt sich eine Verdrängung nachweisen. Wer Wildbienen helfen will, pflanzt und schafft Nistplätze, statt Völker aufzustellen.
Wie lange lebt eine Wildbiene?
Das erwachsene Weibchen der meisten solitären Arten lebt vier bis sechs Wochen. In dieser Zeit legt es je nach Art rund 20 bis 30 Brutzellen an. Der weitaus größere Teil des Lebens verläuft als Larve und Ruhestadium im Nest, oft elf Monate lang.
Zuletzt aktualisiert am .