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Mein Blog ist CO2-neutral, die Aktion von 2010
Ein Banner einbauen, ein Baum wird gepflanzt, das Blog gilt als klimaneutral. Die Rechnung dahinter hält einer Prüfung nicht stand.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 4. April 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und ergänzt, wie die Sache ausgegangen ist.
Die Aktion war 2010 überall. Man baute ein Banner ins Blog ein, meldete sich an, und ein Partner pflanzte dafür einen Baum. Der Beitrag von damals listete Dutzende Blogs auf, die mitgemacht hatten, und nannte rund 40.000 bereits gepflanzte Bäume. Der Enthusiasmus war echt. Die Rechnung dahinter war es nicht ganz.
Was die Aktion versprach
Das Modell war denkbar einfach. Einem Blog wurde ein jährlicher CO2-Ausstoß in der Größenordnung weniger Kilogramm zugeschrieben, überwiegend aus dem Serverbetrieb. Dem stellte man einen Baum gegenüber, der über seine Lebenszeit ein Vielfaches davon binden sollte. Ergebnis: neutral, mit Banner zum Anzeigen.
Kosten für den Blogbetreiber: null. Aufwand: fünf Minuten. Genau das war der Grund für die Verbreitung, und genau das ist der Punkt, an dem man skeptisch werden sollte.
Was daran nicht aufging
Die Bilanzgrenze. Der Serverbetrieb ist der kleinste Teil. Der größere Anteil der Emissionen einer Website entsteht in der Übertragung und in den Endgeräten der Leser. Wer das nicht mitrechnet, bilanziert einen Ausschnitt und nennt ihn Ganzes.
Die Zeitachse. Fossiles CO2 landet sofort in der Atmosphäre. Ein gepflanzter Baum bindet seinen Kohlenstoff über Jahrzehnte, sofern er anwächst, sofern er nicht brennt, sofern er nicht gefällt wird. Diese Diskrepanz ist der Kern der Debatte und steht ausführlich unter Wälder und CO2.
Die Zusätzlichkeit. Wäre der Baum ohnehin gepflanzt worden? Bei Pflanzaktionen mit Förderkulisse ist das oft schwer zu beantworten, und ohne diese Antwort ist die Gutschrift wertlos.
Wie es ausgegangen ist
Die Aktion selbst ist verschwunden. Die Banner stehen in vielen alten Blogs noch, aber ihre Links laufen ins Leere. Wer heute darauf klickt, landet bei einer geparkten Domain oder einem 404.
Der größere Vorgang ist die Kompensationsbranche insgesamt. Ab 2023 veröffentlichten mehrere Redaktionen gemeinsam Recherchen über den Markt für Waldschutz-Gutschriften und kamen zu dem Ergebnis, dass ein Großteil der geprüften Projekte den ausgewiesenen Klimanutzen nicht belegen konnte, weil die angenommene Entwaldung ohne das Projekt zu hoch angesetzt war. Der Markt hat darauf mit strengeren Qualitätskriterien reagiert, gleichzeitig ist die Nachfrage eingebrochen und Werbung mit dem Wort klimaneutral ist in Europa rechtlich riskant geworden.
Was heute stattdessen zählt
Die Reihenfolge ist entscheidend, und sie hat sich nicht verändert: erst vermeiden, dann reduzieren, dann versorgen, dann kompensieren. Wer diese Reihenfolge umdreht, kauft sich frei, ohne etwas zu ändern.
Für eine Website heißt das konkret: Hosting mit echtem Ökostrombezug statt mit einem zugekauften Zertifikat, wobei der Unterschied genau der ist, den die Rubrik Ökostrom und Energie beschreibt. Dazu weniger Datenvolumen je Seitenaufruf, keine automatisch startenden Videos, wenige Skripte, lange Cache-Zeiten. Das sind kleine Beträge, aber es sind reale.
Wer wissen will, wo die Größenordnungen im eigenen Leben tatsächlich liegen, findet die Rechenwege unter CO2-Fußabdruck berechnen. So viel vorweg: Ein Blog steht dort nicht auf den vorderen Plätzen. Das ist die eigentliche Pointe der Aktion von 2010. Sie hat viel Aufmerksamkeit auf einen Posten gelenkt, der kaum ins Gewicht fällt, und dabei das gute Gefühl gleich mitgeliefert.
Wie diese Jahre im Netz sonst klangen, steht im Archiv.
Häufige Fragen
Kann ein Blog überhaupt klimaneutral sein?
Nur mit einer sehr großzügigen Definition. Ein Blog verursacht Emissionen im Rechenzentrum, im Netz und vor allem in den Endgeräten der Leser. Diese Kette lässt sich abschätzen, aber nicht sauber abgrenzen. Das Etikett neutral behauptet eine Genauigkeit, die die Datenlage nicht hergibt.
Ist Kompensation grundsätzlich sinnlos?
Nein, sie ist nur kein Ersatz. Als letzter Schritt für Emissionen, die sich nicht vermeiden lassen, kann eine hochwertige Gutschrift sinnvoll sein. Als erster Schritt verhindert sie die Reduktion, weil das Problem billig erledigt scheint.
Was macht eine Kompensation hochwertig?
Vier Punkte: Zusätzlichkeit, also die Maßnahme wäre ohne das Geld nicht passiert. Dauerhaftigkeit, also der Kohlenstoff bleibt sehr lange gebunden. Keine Doppelzählung. Und eine unabhängige Prüfung. Baumpflanzungen scheitern am häufigsten an der Dauerhaftigkeit, weil Feuer, Trockenheit und Rodung den Speicher jederzeit wieder leeren können.
Was bringt bei einer Website tatsächlich etwas?
Hosting mit echtem Ökostrombezug, weniger Datenvolumen je Seitenaufruf, keine unnötigen Videos und Skripte, lange Cache-Zeiten. Das sind kleine Beträge, aber sie sind real und dauerhaft, im Gegensatz zu einer Gutschrift von unklarer Qualität.
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