Aktiv werden
Unfriend Coal – und was daraus wurde
Ein Rechenzentrum in Oregon, das an einem Kohleversorger hing, wurde zum Kampagnenziel. Der Ausgang ist ein Lehrstück über das Wort „bilanziell“.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 2. Oktober 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und um den heutigen Stand ergänzt.
Die Kampagne begann mit einer schlichten Beobachtung: Facebook baute in Prineville im US-Bundesstaat Oregon sein erstes eigenes Rechenzentrum, und der örtliche Versorger deckte seinen Strommix zu rund 59 Prozent aus Kohle. Greenpeace machte daraus eine Aufforderung im Vokabular des Netzwerks selbst – Facebook solle die Kohle entfreunden.
Der Verlauf
Die Kampagne lief über anderthalb Jahre und arbeitete mit den Mitteln der Plattform: eine Seite, auf der Nutzer die Forderung unterstützten, mit mehreren Hunderttausend Zustimmungen, dazu Aktionstage und ein Bericht, der die Strommixe der großen Internetunternehmen verglich. Der entscheidende Punkt war nicht die Empörung, sondern die Vergleichbarkeit: Wer schlechter dastand als die Konkurrenz, musste sich erklären.
Im Dezember 2011 traten Greenpeace und Facebook gemeinsam auf. Facebook sagte zu, künftig auf erneuerbare Energien zu setzen und die Verfügbarkeit sauberen Stroms bei der Standortwahl neuer Rechenzentren zu berücksichtigen. Das erste Rechenzentrum, das vollständig aus Windstrom versorgt wurde, entstand kurz darauf in Iowa. 2018 folgte die Zusage, den gesamten Betrieb bis 2020 rechnerisch zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom zu decken. Dieses Ziel gilt seither als erreicht, und der Konzern hat inzwischen ein zweistelliges Gigawattvolumen an Wind- und Solarprojekten unter Vertrag.
Was „bilanziell“ genau heißt
Hier lohnt sich die Genauigkeit, weil dasselbe Wort auch in jedem Ökostromtarif steckt. Ein Rechenzentrum hängt am örtlichen Netz und bekommt daraus den Mix, der gerade anliegt – nachts bei Windstille eben Gas oder Kohle. Es lässt sich nicht sortieren, welche Elektronen woher stammen.
Der Anspruch „100 Prozent erneuerbar“ meint deshalb eine Rechnung über ein Jahr: Für jede verbrauchte Megawattstunde wird an anderer Stelle die Erzeugung einer gleich großen Menge Grünstrom nachgewiesen und dieser Nachweis entwertet. Beschafft wird das über langfristige Abnahmeverträge mit konkreten Wind- und Solarparks oder über den Zukauf von Zertifikaten. Wie dieses System aufgebaut ist und warum der Unterschied zwischen beiden Wegen so groß ist, steht unter Herkunftsnachweise.
Zwei Dinge folgen daraus:
- Nicht jede bilanzielle Deckung ist gleich viel wert. Ein Abnahmevertrag, der einen neuen Windpark finanziert, verändert die Erzeugungslandschaft. Ein Zertifikat aus einem abgeschriebenen Wasserkraftwerk verändert eine Tabelle. Worauf man beim eigenen Tarif achten kann, steht unter Gütesiegel.
- Die Jahresbilanz verdeckt die Stunde. Der Verbrauch fällt rund um die Uhr an, die Erzeugung nicht. Deshalb arbeiten einige große Abnehmer inzwischen an stündlicher Deckung, was ungleich schwieriger und teurer ist als der Jahresausgleich.
Der offene Punkt
Die Kampagne hat ihr Ziel erreicht, und trotzdem ist das Thema größer geworden. Rechenzentren verbrauchten laut Internationaler Energieagentur 2024 rund 415 Terawattstunden Strom, etwa anderthalb Prozent des weltweiten Verbrauchs, mit deutlich steigender Tendenz durch KI-Anwendungen. Ein wachsender Verbrauch, der bilanziell sauber gedeckt wird, bindet erneuerbare Kapazität, die anderswo fehlt.
Für den eigenen Haushalt ist die Übertragung direkt: Der Wechsel des Tarifs ist der erste Schritt, siehe Ökostrom und Energie, die selbst erzeugte Kilowattstunde der eindeutigste, siehe Balkonkraftwerk. Und der Strom, der gar nicht verbraucht wird, braucht überhaupt keine Bilanz.
Weitere Kampagnen aus dem alten Blog stehen unter Aktiv werden, der Gesamtbestand im Archiv.
Zuletzt aktualisiert am .