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Ökostrom

Herkunftsnachweise und die Bilanz hinter dem Ökostrom

Ökostrom ist eine Buchhaltung, keine Leitung. Wer versteht, wie Zertifikate entstehen und gehandelt werden, sieht sofort, welche Tarife etwas bewirken.

Strom lässt sich nicht sortieren. Was aus deiner Steckdose kommt, ist der Mix, der in dieser Sekunde im Netz unterwegs ist – Wind, Solar, Gas, Kohle, Import, alles gemeinsam. Ein Ökostromtarif ändert daran nichts und behauptet es technisch auch nicht. Er ändert die Buchhaltung: Für die Menge, die du verbrauchst, wird an anderer Stelle eine gleich große Menge Grünstrom zugeordnet und aus dem Markt genommen. Diese Zuordnung läuft über Herkunftsnachweise.

Wie ein Herkunftsnachweis entsteht

Erzeugt eine Wind-, Wasser- oder Solaranlage eine Megawattstunde Strom, kann der Betreiber dafür einen Herkunftsnachweis ausstellen lassen. Darin stehen Anlagentyp, Standort, Inbetriebnahmejahr und Erzeugungszeitraum. In Deutschland führt das Umweltbundesamt das Register.

Der Nachweis ist ein eigenständiges, handelbares Gut. Er kann verkauft werden, ohne dass der Strom denselben Weg nimmt. Verkauft ein Lieferant dir Ökostrom, entwertet er die entsprechende Zahl an Nachweisen im Register. Damit ist die Menge verbraucht und kann niemand anderem mehr zugeordnet werden. Doppelzählung ist so ausgeschlossen – das ist die eigentliche Leistung des Systems.

Warum Zertifikat und Strom getrennt laufen

Diese Trennung ist kein Schlupfloch, sondern eine Konstruktionsentscheidung. Physische Lieferketten für Strom gibt es nicht: Ein Kraftwerk speist ins Netz ein, alle Verbraucher entnehmen aus demselben Netz. Um Grünstrom trotzdem verkaufbar zu machen, braucht es ein Buchungssystem.

Der Preis dieser Konstruktion ist, dass die Bilanz weit auseinanderfallen kann:

  • Räumlich. Der Nachweis darf aus jedem Land des europäischen Verbunds stammen. Der Strom bleibt dort, wo er erzeugt wurde.
  • Zeitlich. Bilanziert wird über ein Jahr. Ob dein Verbrauch nachts bei Windstille anfällt, spielt für den Nachweis keine Rolle. Wer diesen Bezug herstellen will, braucht Zeitsignale, wie sie dynamische Tarife nutzen.
  • Wirkungsseitig. Ein Nachweis sagt nichts darüber, ob durch deinen Kauf eine Anlage entstanden ist.

Der Fall der norwegischen Wasserkraft

Das meistgenutzte Beispiel ist auch das lehrreichste. Skandinavische Wasserkraftwerke laufen seit Jahrzehnten, sind längst abgeschrieben und produzieren, weil Wasser fließt. Ihre Herkunftsnachweise sind entsprechend billig, oft im Bereich weniger Cent je Megawattstunde – also im Bruchteil eines Cents je Kilowattstunde, die du verbrauchst.

Für einen Anbieter heißt das: Aus einem Standardtarif wird für einen kaum messbaren Aufpreis ein Ökostromtarif. Für die Erzeugungslandschaft heißt es: nichts. Das Kraftwerk läuft ohnehin, der Strom bleibt in Norwegen, kein zusätzliches Windrad entsteht. Der Erlös ist ein Zusatzertrag für den Betreiber, kein Investitionssignal.

Umgekehrt gilt: Ein Zertifikat aus einer Anlage, die erst wenige Jahre alt ist, oder ein direkter Liefervertrag mit einem konkreten Windpark kann sehr wohl Teil einer Finanzierung sein. Genau darauf zielen die Gütesiegel mit Zubauverpflichtung ab.

Die deutsche Besonderheit

Für Strom, der eine EEG-Förderung bezieht, dürfen keine Herkunftsnachweise ausgestellt werden. Die Grünstromeigenschaft dieses Stroms wird über die Umlagefinanzierung rechnerisch allen Verbrauchern zugerechnet und darf nicht noch einmal einzeln verkauft werden. Da der Großteil des deutschen Wind- und Solarstroms in diese Kategorie fällt, steht er dem Zertifikatemarkt schlicht nicht zur Verfügung. Das ist der Grund, warum in fast jedem deutschen Ökostromtarif ausländische Nachweise stecken – nicht Böswilligkeit, sondern Regelwerk.

Was in deiner Stromkennzeichnung steht

Jeder Lieferant muss einmal im Jahr ausweisen, wie sich der verkaufte Strom zusammensetzt. Diese Stromkennzeichnung findest du auf der Jahresrechnung oder auf der Website des Anbieters, meist als kleines Balkendiagramm. Sie unterscheidet in der Regel zwischen erneuerbaren Energien, die über die EEG-Umlage finanziert sind, sonstigen erneuerbaren Energien, Kernkraft, Kohle, Erdgas und übrigen fossilen Quellen.

Zwei Dinge lassen sich daraus ablesen. Erstens der Anteil, der über Herkunftsnachweise abgedeckt ist – bei einem reinen Ökostromtarif sind das 100 Prozent. Zweitens, und interessanter, was der Anbieter insgesamt verkauft: Ein Unternehmen, dessen Gesamtmix zur Hälfte aus Kohle besteht, führt seinen Ökotarif neben einem konventionellen Geschäft. Das ist erlaubt und wird oft übersehen, weil auf der eigenen Rechnung nur der eigene Tarif prominent steht. Die Zahlen beziehen sich immer auf ein zurückliegendes Kalenderjahr und werden mit Verzögerung veröffentlicht.

Was daraus folgt

Drei praktische Schlüsse:

  1. Der Tarifwechsel ist ein Signal, kein Bau. Er verschiebt Nachfrage und Geld, er errichtet nichts. Sinnvoll bleibt er trotzdem, besonders mit einem Siegel, das Investitionen erzwingt. Die vertragliche Seite steht unter Anbieter wechseln.
  2. Selbst erzeugter Strom ist bilanziell eindeutig. Was auf dem eigenen Balkon entsteht und direkt verbraucht wird, braucht keinen Nachweis. Wie viel das realistisch ist, rechnet Ertrag berechnen durch.
  3. Nicht verbrauchter Strom ist der einzige, der garantiert sauber ist. Die größten Posten im Haushalt stehen unter Strom sparen im Haushalt.

Regeln, Registerpraxis und Preise für Herkunftsnachweise ändern sich. Die Beschreibung hier ist Stand August 2026; maßgeblich sind die Angaben des Umweltbundesamts und der Bundesnetzagentur.

Häufige Fragen

Bekomme ich mit einem Ökostromtarif wirklich Ökostrom aus der Steckdose?

Physikalisch nicht. In der Leitung ist immer der Mix, der gerade im Netz unterwegs ist, und Elektronen tragen kein Etikett. Der Tarif regelt, welche Mengen dir bilanziell zugeordnet werden. Das ist keine Täuschung, solange man es so benennt – es ist eine Buchhaltung.

Was ist ein Herkunftsnachweis genau?

Ein elektronisches Dokument, das bescheinigt, dass eine Megawattstunde Strom in einer bestimmten Anlage aus erneuerbaren Quellen erzeugt wurde. Es wird in einem staatlichen Register angelegt, kann gehandelt werden und wird beim Verkauf an einen Endkunden entwertet, damit dieselbe Menge nicht doppelt vermarktet wird.

Warum bringt norwegische Wasserkraft nichts?

Die Kraftwerke stehen seit Jahrzehnten und produzieren unabhängig davon, ob jemand ihre Zertifikate kauft. Der Zertifikatserlös ist ein kleiner Zusatzertrag, kein Investitionsanreiz. Es entsteht dadurch keine einzige neue Anlage, und der physische Strom bleibt ohnehin in Skandinavien.

Warum ist deutscher EEG-Strom kein Ökostrom im Handel?

Für Strom, der eine EEG-Förderung erhält, dürfen keine Herkunftsnachweise ausgestellt werden, weil die Grünstromeigenschaft bereits über die Umlage allen Verbrauchern zugerechnet wird. Der weitaus größte Teil des deutschen Wind- und Solarstroms fällt darunter. Deshalb kaufen Anbieter Zertifikate im Ausland.

Woran erkenne ich einen Tarif, der etwas bewirkt?

An einer nachprüfbaren Verpflichtung zum Zubau: ein fester Förderbetrag je Kilowattstunde, ein Anteil junger Anlagen im Portfolio oder direkte Lieferverträge mit konkreten Anlagen. Siegel wie Grüner Strom Label und ok-power prüfen genau das. Ohne solche Angaben ist der Tarif ein umetikettierter Standardtarif.

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