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Ökostrom beim Discounter, der Boom von 2010
Handelsketten verkauften plötzlich Strom, mit Prämien von 100 Euro und mehr. Der Vorgang erklärt bis heute, woran man einen leeren Ökostromtarif erkennt.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 7. April 2010 auf neidgrün. Wir haben ihn überarbeitet und ergänzt, wie die Sache ausgegangen ist.
Im Frühjahr 2010 verkauften plötzlich Handelsketten Strom. Lidl warb mit 100 Euro Wechselprämie, Penny, Rewe und toom legten 120 Euro auf den Tisch, und die Verbrauchermagazine prüften, was hinter den Angeboten steckte. Der ursprüngliche Beitrag sammelte diese Meldungen. Aus heutiger Sicht ist das der inhaltliche Vorläufer unserer gesamten Rubrik Ökostrom und Energie, denn alle Fragen von damals sind noch da.
Was 2010 los war
Der Strommarkt war seit gut zehn Jahren liberalisiert, und trotzdem hingen vier Fünftel der Haushalte weiter bei einem der vier großen Versorger. In Umfragen sagten 43 Prozent, sie dächten über einen Wechsel nach. Getan hat es kaum jemand.
Genau in diese Lücke stießen die Handelsketten. Sie hatten Filialen, Reichweite und ein Vertrauensverhältnis beim Preis. Was sie nicht hatten, war Erzeugung. Die Tarife liefen über Partnerunternehmen, das Etikett kam vom Handel.
Warum die Tarife wenig brachten
Die Prüfungen von damals kamen zu einem Ergebnis, das bis heute gilt:
Die Prämie war das Produkt. 100 oder 120 Euro einmalig sind mehr, als ein durchschnittlicher Haushalt in einem Jahr sparen konnte. Wer nach zwölf Monaten nicht wieder wechselte, zahlte den Bonus über einen erhöhten Arbeitspreis zurück. Dieses Muster hat den Wechselmarkt jahrelang geprägt und ist bis heute der häufigste Grund für böse Überraschungen in der Jahresabrechnung.
Das Ökoetikett war leer. Die Tarife stützten sich auf zugekaufte Nachweise aus bestehender Wasserkraft, überwiegend aus Skandinavien und dem Alpenraum. Rechtlich sauber, physikalisch ohne Effekt: Diese Kraftwerke laufen seit Jahrzehnten, mit oder ohne deutschen Kunden. Wie dieses System funktioniert und warum es trotzdem eine Berechtigung hat, steht unter Herkunftsnachweise.
Es fehlte die Zusätzlichkeit. Keiner der Tarife verpflichtete den Anbieter, neue Anlagen zu bauen oder einen festen Betrag je Kilowattstunde in den Zubau zu stecken. Genau das ist bis heute das einzige Kriterium, das einen Tarif von einer Umbuchung unterscheidet. Welche Siegel es verlangen, steht unter Ökostrom-Gütesiegel.
Wie es ausgegangen ist
Der Discounter-Strom war eine Episode. Als Dauergeschäft hat sich das Modell im Handel nicht gehalten, der Vertrieb wanderte zu Vergleichsportalen.
Wichtiger sind zwei strukturelle Änderungen. 2013 löste das Herkunftsnachweisregister beim Umweltbundesamt das alte, international gehandelte Zertifikatssystem ab. Seitdem ist nachvollziehbar dokumentiert, welche Menge aus welcher Anlage stammt und wo sie entwertet wurde. Und der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Stromverbrauch stieg von rund 17 Prozent im Jahr 2010 auf über 50 Prozent. Der Ausbau kam dabei fast vollständig über die gesetzliche Förderung, nicht über Ökostromtarife.
Die Billiganbieter der Wechselwelle haben die Preiskrise 2021 und 2022 überwiegend nicht überstanden. Zahlreiche Kunden landeten von einem Tag auf den anderen in der teuren Ersatzversorgung. Die Lehre daraus steht unter Anbieter wechseln: Ein Tarif ist nur so gut wie das Unternehmen, das ihn beliefert.
Was du daraus mitnimmst
Der Vorgang von 2010 ist ein guter Prüfstein. Er zeigt, dass ein Ökostromtarif drei Dinge gleichzeitig sein kann: rechtlich korrekt, günstig und wirkungslos. Was tatsächlich zählt, ist der Zubau, und wer den größeren Hebel sucht, kommt schnell bei der eigenen Erzeugung an, siehe Balkonkraftwerk und Solar. Wie sich der Strommarkt 2010 angefühlt hat, steht im Archiv.
Häufige Fragen
War Discounter-Ökostrom Betrug?
Nein, rechtlich war er sauber. Für jede verkaufte Kilowattstunde wurden Nachweise aus erneuerbarer Erzeugung entwertet, meist aus alten Wasserkraftwerken in Skandinavien oder den Alpen. Was fehlte, war jede Wirkung auf den Anlagenzubau. Der Strom in der Leitung blieb derselbe, es wechselte nur das Etikett.
Warum sind hohe Wechselprämien ein Warnzeichen?
Weil sie einmalig sind und der Arbeitspreis danach oft über dem Marktniveau liegt. Wer im zweiten Jahr nicht wieder wechselt, zahlt die Prämie über den Verbrauch zurück. Vergleichsrechnungen ohne Bonus zeigen den tatsächlichen Preis deutlich ehrlicher.
Gibt es Ökostrom heute noch im Supermarkt?
Als Dauergeschäft hat sich das Modell nicht gehalten. Der Vertrieb läuft heute über Vergleichsportale und über die Versorger selbst. Die Grundfrage ist dieselbe geblieben, und sie lautet nicht wo, sondern ob der Tarif zusätzliche Erzeugung auslöst.
Woran erkenne ich einen Tarif mit echter Wirkung?
An einem Gütesiegel, das Zubau verlangt, und an einer Anbieterstruktur ohne Kohle- und Atombeteiligung. Alles andere ist eine Umbuchung im Zertifikateregister.
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